Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

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Eine Eigentümlichkeit fällt allerdings auch hier als nichtattisch,
und wenn man sie bemerkt hat, nachhaltig störend auf. Sie wie-
derholt sich gleichmässig an dem Nereidenmonument von Xanthos
und überwiegend an den meisten griechischen Sculpturen in Lykien:
die durchgehende Bekleidung oder decente theilweise Verhüllung der
Gestalten. Dem Haupthelden Theseus ist allerdings das Vorrecht
heroischer Nacktheit verblieben, unverhüllt liegt auch eine Griechen-
leiche in der Amazonomachie am Boden; dies werden aber so
ziemlich die einzigen Ausnahmen von der Regel sein und sie nehmen
sich wie untergeordnete geduldete Freiheiten aus, mit denen Trieb
und Bedürfniss des künstlerischen Gewissens einen auferlegten Zwang
gelegentlich durchbrach. Aeusserst bezeichnend scheint mir in dieser
Hinsicht namentlich die Veränderung, welche die auf S. 205 reprodu-
zirte schöne Gruppe des Phigaliafrieses erfuhr, noch schlagender
die unerfreulich absichtliche Introduction der Gewänder an den
Figuren des Freiermordes. Die ganze Erscheinung ist merkwürdig
genug, löst sich aber namentlich nach den letztgenannten Beispielen
auf als eine begreifliche Accomodation an locale Anschauungen und
Bedürfnisse, wie sie vollkommen analog auch an den für den Ex-
port nach Südrussland gearbeiteten attischen Werken des vierten
Jahrhunderts beobachtet worden ist*). Auch in der Behandlung
von Tracht und Bewaffnung sind Ummodelungen und Annäherungen
an die Localsitte zugegeben, wie keine Migration auch der Kunst
ohne alle Anpassung sich vollzieht. Sie erscheinen als äusserliche
Versuche, das exotische Kunstwerk gefälliger einzubürgen und an
dem Ort für den es geschaffen war, lebensfähiger zu gestalten.

IV

Hauptsächlich in den Frühlingsmonaten wurden von den ein-
zelnen Expeditionsmitgliedern Excursionen unternommen, welche
nicht blos die Umgebung von Gjölbaschi und das Dembreplateau,
sondern grössere Theile des Küstengebietes bis Adalia und später-
hin das Hochland genauer bekannt machten. Auf Tafel V hat
Niemann unter Zugrundelegung eines Kartenentwurfs von Heinrich
Kieperts Hand versucht, diese einzelnen Reisen, jedoch grössten-
theils noch ohne Verwerthung ihrer Routieraufnahmen, vorläufig

*) Vergl. hierüber die lehrreichen Ausführungen Wieselers Göttinger ge-
lehrte Anzeigen 1876 S. 1489—1493.
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