Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 7.1883

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alle zehn Tage erneuten Waffenstillstände (bexW^P01 ffTrovbai) gelebt
hätten. Wenn man dies auch so auffassen kann, dass die Athener
mit den einzelnen Städten nach gleichen Grundsätzen einen Still-
stand geschlossen hatten, so ist es doch wahrscheinlicher, dass diese
gleichmässige Behandlung sich daraus erklärt, dass die Athener
nicht mit mehreren, sondern einem einzigen Paciscenten, dem
chalkidischen Bunde, zu verhandeln hatten. Dafür spricht auch
die Analogie, dass die Athener im Sommer 421 mit dem Böotischen
Bunde einen ebenfalls alle zehn Tage erneuten Waffenstillstand ab-
schlössen (Thuc. V 26, 3. 32, 5). Wenn in den Bestimmungen des
Friedensvertrages zwischen Athen und Sparta vom Frühjahr 421
die gemeinsamen Interessen der Chalkidier nicht gewahrt erscheinen,
so hat dies seinen Grund in der Haltung, welche Sparta damals
überhaupt einnahm; nur ein Theil der schon früher abgefallenen
(Mekyberna, Sane, Singos, Stolos, Olynth, Spartolos) und der später
zu Brasidas übergetretenen Städte (Akanthos, Argilos, Stageiros)
wird durch ausdrückliche Vereinbarung geschützt, der grössere
Theil derselben, besonders der von Brasidas zum Uebertritt bewo-
genen der Rache der Athener preisgegeben (Thuc. V 18, 8): Zkilu-
vaiuuv be Kai Topwvaiuuv Kai XepuuXiuiv Kai ei nva aXXnv ttöXiv
e'xoumv 'AOnvaioi, 'AOnvaloug ßouXeüecröai nepi aüxüjv Kai tuiv aXXuiv
TTÖXewv 8 ti av boKrj aüxoTg. Ohne daher meine Ansicht von einem
so frühen Ursprung des chalkidischen Bundes als irgendwie sicher
hinstellen zu wollen, möchte ich dieselbe doch zur Erwägung vor-
legen. Ob dieser vorauszusetzende Bund überhaupt bis in die Neun-
ziger Jahre des vierten Jahrhunderts hinein eine Continuität hatte,
oder sich blos auf die Zeit des peloponnesischen Krieges beschränkte,
ist ganz ungewiss; denn von dem dekeleischen Kriege bis zur Zeit
des Königs Amyntas II. von Makedonien haben wir so wenige und
unzusammenhängende NachrichtenI3G), dass wir uns über den da-
maligen Zustand der chalkidischen Städte, besonders Olynths, kein
klares Bild machen können.

Wenige Worte genügen, um auf die Bedeutung unserer In-
schrift noch in einer anderen Beziehung aufmerksam zu machen.
Nach der Art und Weise, wie sich im Alterthum der Handelsver-
kehr zwischen den einzelnen Staaten entwickelte13'), wird man eine

"6) Zusammengestellt bei Böhnecke, Forschungen 1, 133.

'") Die Grundlinien zu einer Beurtheilung der antiken Handelspolitik haben
gezogen Böckh, Staatshaushaltung ' 1, 73 ff. und Ulrichs, Koisen und Forschungen
2, 184 f.
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