Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 7.1883

Seite: 65
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Polyklet, der Stammhalter seiner Schule fällt weg. Dass er auch
Myrons nicht gedacht hat, ist daneben noch eine lässliche Sünde.
Aber das interessanteste an der Geschichte, dass Phidias und
Polyklet Schulgenossen des gleichen Meisters waren, zu ver-
schweigen, zeugt doch von wenig Geschmack. Sonderbarer Weise
begeht Plinius dasselbe Capitalvergehen, nur dass er wieder den
Phidias nicht als Schüler des Ageladas kennt. Ihm ist 34, 55
Polyclitus Sicyonius Hageladae discipulus und 57 heisst es wieder
Myronem Eleutheris natutn Hageladae et ipsum discipulum und 34, 10
werden abermals Myron und Polyklet als aeqnales und condiscipuli
aufgeführt. Er, der der erste im Bunde sein mtisste, ist nirgends
der dritte. Man könnte schon aus diesem höchst auffälligen Schwei-
gen schliessen, dass Plinius von dem besagten Verhältniss nichts
weiss, aber sein Zeitansatz Phidias Olymp. 83 Ageladas Olymp. 87
weist es sogar direct ab. Wüsste man nicht, dass diese Zahlen-
angaben kaum im gleichen Verhältnisse zu den äussersten Punkten
beider Künstlerlaufbahnen stehen, so wäre sogar die Umkehrung
des Verhältnisses hypothetisch zulässig.

Die kurze Nachricht des Scholiasten mag Phidias vielleicht
nur der Kürze wegen allein nennen. Das wäre aber doch nur
unter der Voraussetzung begreifbar, dass es eine völlig bekannte
Sache war. Sie war aber völlig unbekannt. Man sehe doch nur
unsere moderne kunstgeschiehtliche Literatur an. Was hat man
nicht alles über die erstaunliche Geschichte, dass Phidias und
Polyklet, beide und M yron eines Mannes Schule entstammten, ge-
schrieben! Welch tiefe Schlüsse hat man daraus gezogen, wie
gründlich hat man diese Nachricht ausgepresst! Und da darf man
doch auch auf das Alterthum zurückschliessen, das doch in solchen
Künsten auch einige Erfahrung hatte.

Es braucht vielleicht blos einmal ausgesprochen zu werden,
um sofort einzuleuchten: Hätte man damals diese Kunde schon
gehabt, da wäre denn eine unausweichliche Folge davon ein Kranz
der schönsten Concurrenzanekdoten beider Meister gewesen. Ihre
Rivalität wäre viel energischer hervorgetreten, als die zwischen
Myron und Polyklet Plin. 34, 10 und 58 angedeutete, und stünde
wohl kaum der Alkamenes-Agorakritoslegende nach. All das er-
klärt sich nur, wenn das Alterthum einen anderen und zwar den
wirklichen Lehrer des Phidias kannte. Das war in der That der
Fall, üio Chrysostomus, dessen 12. Rede von begeisterter Ver-
ehrung und tiefem Verständniss des gewaltigen Meisters zeugt, zählt

ArcUiiologisch-cpigrapliinclio Mittli. VII. 6
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