Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 7.1883

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sein scheint. Denn der Umstand, dass bei ihm die ganze Erzählung
gerade dem Solon in den Mund gelegt war, verknüpfte sie zugleich
für immer mit der Erinnerung an den grossen Weisen und seine
denkwürdige Unterredung mit Kroisos. Kleobis und Biton, die
Söhne der Herapriesterin Kydippe") in Argos, galten dem Solon
nächst dem Athener Tellos 12) als die glücklichsten Menschen, denn
sie starben nicht nur jung, sondern hatten auch, so lange sie lebten,
von Armuth nicht zu leiden und waren durch Körperkräfte ausge-
zeichnet 13). Im Tempel des Apollon Lykios in Argos befand sich
sogar die Bildsäule eines Stiertragenden Athleten, welche, wie Pau-
sanias14) auf die Autorität des Argivischen Exegeten Lykeas hin
berichtet, den Biton darstellte, der bei einem von den Argeiern dem
Zeus in Nemea dargebrachten Opfer einen Stier auf seinen Schultern
von Argos bis nach Nemea hin getragen hatte1ä). Mag man nun
auch die Identität dieses Athleten Biton mit dem Bruder des Kleobis
in Zweifel ziehen, jedesfalls bezeichnet Herodot beide Brüder als
deOXoqpöpoi, und einen Hinweis auf ihre athletische Natur erkenne
ich auch in der Bemerkung Cicero's **). wonach beide Brüder,
bevor sie sich zu der That anschickten, das Gewand ablegten und
sich mit Oel salbten, gerade als handelte es sich um einen Ring-
kampf. Diese beiden Jünglinge also sollen, als bei einem Feste
der Argivischen Hera die Kühe, welche den Wagen der Hera-
priesterin Kydippe zum Heiligthume der Göttin zu ziehen hatten n),

") Einmal begegnet dafür der Name Theano.

") Umgekehrt nimmt das Verbältniss an Lukian, Charon 10.

13) Nach Pape ist KX£oßt<; = rühmliehen Lebens, Bixuiv = itiüv = keck.

"j II, 19, 5.

ls) Den Vorgang wollte Göttling in seinem Kataloge der Jenenser Sammlung
auf einer dort befindlichen Campanaschen Terracotta (abgeb. Arch. Zeit. IX, Taf. 26)
wiedererkennen, wogegen aber mit Recht Stark ebenda S. 291 ff. Einspruch erhob.

16) Tuscul. I, 47.

a) Die schneeweissen Kühe sind der Hera heilig, und wie sie selbst als
Mondgöttin (vgl. Roscher Stud. z. vrgl. Myth. II, 90 f.) auf dem von Kühen ge-
zogenen Wagen (BiittigerKunstmyth.il, 282 vergleicht die Phoinikische TaupoiroXoi;)
fährt, so auch die Priesterin, ihre irdische Stellvertreterin. So heisst es in den
Scholia Veronensia zum Vergil Aen. I, 15, 16 gelegentlich der Erwähnung des in
Karthago befindlichen Wagens der Juno; Tnam curru sacerdos matris deum vehiiur,
unde et Junoni polest hoc vehiculum deputari". Nur Plutarch Consol. ad Apoll. 14
spricht von Maulthieren — tüjv £\kövtwv xr|v dirr|vnv öp^wv —, welche den
Wagen der Priesterin zogen. Ich vermag diese Abweichung nicht zu erklären.

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