Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 7.1883

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nicht vorn Felde zurückgekehrt waren 18), und die Zeit drängte — da
bei einer unzeitigen Darbringung der Opfer die Priesterin Gefahr
lief, mit dem Tode bestraft zu werden19) — sich selbst vor den Wagen
gespannt20) und die Mutter 45 Stadien weit bis zu dem auf einem
Berge"1) gelegenen Heiligthume gezogen haben. Die versammelten
Argeier priesen hierauf die Söhne wegen ihrer Körperkraft, die
Argeierinnen aber die Priesterin, weil sie Mutter so herrlicher Söhne
sei; aber Kydippe selbst flehte zur Hera und bat, dass ihren Söhnen
die schönste Gabe zu Theil werde, die Menschen überhaupt empfangen
könnten. Ihr Gebet ward erhört, denn nachdem die Söhne geopfert,
geschmaust und sich zur Nachtzeit im Heiligthume zur Ruhe nieder-
gelegt hatten, standen sie nicht wieder auf, sondern waren, als der
Morgen herangebrochen22), todt. Mit dem Tode also hatten die
Götter den frommen Brüdern das für den Menschen erstrebens-
wertheste und beglückendste Gut verliehen.

In dieser Form der Darstellung, welche bemüht ist. den ethi-
schen Grundgedanken in den Vordergrund zu stellen, und welche

IS) Die Mythographi Vaticani bei Bode Script, rer. mythic. I, 29 und II, Gü
geben als Grund des Ausbleibens der Kübe eine Pest an.

,9) Hygin Fab. 254: vguae, nisi ad horam sacra facta essent, sacerdos intcr-
ßciebalur".

s°) Der Ausdruck dafür ist bei Herodot ÜTTobuvTer, Trjv Zeu'fAav, was Bähr
in seiner Ausgabe wörtlich aufl'asst und zu erklären versucht; aber der Ausdruck,
der übrigens griechisch oder lateinisch so fast stereotyp bei allen, welche von dem
Factum berichten, wiederkehrt, ist selbstverständlich nur poetisch für Vorspannen
und Ziehen zu nehmen. Oder glaubt man wirklich, dass ein Mensch einen Wagen
leichter zieht, wenn er seinen Kopf durch ein Joch steckt, als wenn er an die
Deichsel greift? Wie wenig man übrigens im Alterthume bei der Erzählung an
ein wirkliches Joch dachte, das zeigt die Geschichte bei Polyblua XXIII, 18, C,
als man die königlichen Brüder Attalos und Eumenes, weil sie ihre Mutter Apol-
lonis, ehrfurchtsvoll an den Händen fassend, durch die Hciligthümer von Kyzikos
geleiteten, mit Kleobis und Biton verglich (vgl. auch Plutarch de /rat. amore 5).
Und doch befand sich gerade in Kyzikos jene Anm. 2 erwähnte bildliche Darstel-
lung der Begebenheit.

") Eine Erinnerung zeigt sich nicht nur darin, dass die Ankunft bei dem
Tempel meist mit Ctvdßa0ii; oder ävüfu) bezeichnet wird, sondern Hygfn Fab. 264
sagt auch ausdrücklich: „sacra in monte ad templum Junonis duci et fieri debe\bant\.'1
Ueber die Lage des Heraion auf einer Bergstufe (Euboia) vgl. Curtius Peloponnes
II, 397 und Arch. Zeit. XLI, S. 100.

"J Cicero a. O. sagt: „mane inventos esse mortuos", womit man vergleiche,
was Plutarch Oonsol. 14 von Agamedes und Trophonios (vgl. Anm. 4) erzählt und
was Cicero so ausdrückt: vqui itt inluxit mortui sunt reperti".
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