Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 7.1883

Seite: 158
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Anspielung auf die Erzählung von Kleobis und Biton enthielten.
In diesen Versen 25), die nichts weiter sagen, als dass bei derartigen
Seuchen, wie der geschilderten, in jenen Gegenden (sc. Noricums)
in Ermanglung von Kühen die heiligen Wagen der Juno von un-
gleichen Stieren zum hohen Heiligthume gezogen worden seien, hat
allerdings ein Scholiast, wie Junius Philargyrius2fi), eine Anspielung
auf Kleobis und Biton finden wollen, und Servius theilt diese An-
sicht. Allein eine derartige Interpretation wäre geradezu unerhört.
In der ganzen Stelle ist weder der Name der Kydippe noch der
ihrer Söhne genannt, und wenn Servius wie Junius Philargyrius
dennoch an Kleobis und Biton denken, so steht das im directen
Widerspruch mit Vergil, der nur von „ungleichen Stieren", aber
nicht von Menschen spricht und mit keiner Silbe den ethischen
Gehalt der Herodoteischen Erzählung berührt. Man müsste also
beide Scholiasten geradezu der gröbsten Nachlässigkeit zeihen,
wenn man sich nicht entschliessen will, die ganze Stelle als ein
späteres Einschiebsel zu betrachten, das zum Zwecke der Schule
bei passender oder unpassender Gelegenheit an die aus Herodot
bekannte Erzählung hat erinnern wollen. Und dass Servius reich
an derartigen Entstellungen ist, wird ja allgemein zugegeben27).
Probus und die Scholia Veronensia sagen zu der betreffenden Stelle
nichts, und was die Scholia Bernensia28) zu den Versen bringen,
erscheint mir derartig verwirrt zu sein, dass ich es überhaupt nicht
wage, die Stelle für unsere Zwecke zu benützen. Aber selbst an-
genommen, es sei in jenen verwirrten Notizen der Scholiasten zum
Vergil eine sonst nicht bekannte Version unserer Erzählung ent-
halten29), so wird man doch ohne weiteres zugeben, dass sie bei

55) III, 531 ff.: „Tempore non alio dicunt regionibus Ulis Quaesitas ad sacra
boves Junonis, et uris Imparibus ductos alta ad donaria cur)mus.u

,6) Hinter der Vergilausgabe von P. Burmann: „manifestum est, a Oydippe
Argivae Junonis sacerdote, hoc tractum."

''") Ribbek Prolegg. ad Vergil p. 189: „Servius vel quae nomine eius circum-
feruntur variis modis contaminata contracta amplificata interpolata scholia.u

2S) In der Ausgabe von Hagen: „Sacerdotes Junonis id est Cleobis et Biton
curriis sollemnibus sacris deducere solebant, verum deficientibus bobus etiam collo Sacra
portasse dicunticr. Junonis sacris animalia de/ecerant, id est , aut Romanorum (!)
expleta sunt funera quos illa persecuta est, aut restituta sunt sacra, quae infesta Ju-
none defecerant.u lieber die vermeintliche Priesterschaft des Kleobis und Biton
vgl. übrigens Meineke in der Arch. Zeit. IX S. 286 ff.

29) Anders versucht Koscher a. O. II, S. 91 die Stelle zu erklären, wohl
mit Recht.
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