Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 7.1883

Seite: 162
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Kleobis und Biton wie ihre literarische Beliebtheit durch das ganze
Alterthum hindurch bemerkt ist, von selbst, und wir haben im Fol-
genden nur darzulegen, wie der Künstler es verstanden hat, die
wesentlichen Züge der Geschichte in verständlicher Form dem Be-
schauer vor Augen zu führen.

III.

Auf einem einfach construirten, zweirädrigen Wagen, wie er
auf der Argivischen Silbermünze des Berliner Münzcabinets, welche
die von Kleobis und Biton gezogene Priesterin darstellt, ähnlich
wiederkehrt43), steht Kydippe44), bekleidet mit Chiton und schleier-
artig auf dem Kopfe aufliegendem Mantel45). An den Wagen sind
zwei Rinder gespannt, deren zwerghafte Kleinheit aber nicht aus-
reicht, das Gefährt bis zum Heiligthum zu ziehen. Darum greifen
die beiden Knaben der Priesterin über den Rücken der Thiere mit
an die Deichsel, um die Mutter bei Zeiten an das Ziel ihrer Wan-
derung zu bringen40). Wir wissen nicht, auf welche Ueberlieferung
diese Auffassung des Künstlers zurückgeht, doch bringt sie nicht
weniger als die aus Herodot bekannte den Grundgedanken der Er-
zählung zur Anschauung, dass der Diensteifer kindlicher Liebe es
war, der die Mutter vor Unglück bewahrte. Auf keinen Fall sind
wir berechtigt, schon bei dieser ersten Scene an der Beziehung auf
Kleobis und Biton zu zweifeln, weil die Auffassung des Bildhauers
nicht die gewöhnliche ist. Haben wir doch gesehen, dass die schrift-
liche Ueberlieferung mit nichten an allen Einzelheiten starr fest-
hält47); warum wollte man es dem bildenden Künstler verargen,
wenn er von der breiten Strasse abweicht und Nebenpfade wandelt,
die zu betreten ihn vielleicht gar noch die Individualität des Auf-
traggebers nöthigten? Aber wie dem auch sei, der Bildhauer hat
überhaupt nicht das eigentliche Ziehen weder der Rinder noch der
Knaben dargestellt, sondern den Moment des Anhaltens: die Reise

") Vgl. auch das ebenso construirte öxn,ua oikukXov bei Panofka Bilder
antiken Lebens III, 8 = Guhl und Koner L. d. G. u. E.4, Fig. 28G.

1<) Von „gekreuzten" Beinen vermag ich ebensowenig zu sehen, wie von
einem Legen des Fingers an den Mund.

45) Das Schleiergewand gebührt der Herapriesterin wie der Güttin, der sie dient.

46) Damit ist die Bemerkung von Friedliinder (Aich. Zeit. XXVII, 99) er-
ledigt, als zögen Rinder allein den Wagen, nicht die Knaben. Die Abbildung ge-
nügt, um diese Behauptung als unrichtig zu erkennen.

") Vgl. besonders A. 17 z. E.
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