Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 7.1883

Seite: 163
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ist zu Ende, denn die Knaben blicken beide zurück, und die Mutter
bat sich soeben erhoben Indem sie sich zum Absteigen bereitet
und den Schleier vor die Brust zu ziehen im Begriffe ist4S), be-
gleitet die Bewegung ihrer erhobenen Rechten einen Zuruf, den sie
an die Knaben richtet, sei es, dass sie dieselben zum Anhalten
auffordert, sei es, dass sie ihnen freundlichen Dank zuwinkt. Sie
hat ihr Ziel erreicht und naht sich dem Akt, der, weil er über das
Schicksal ihrer Söhne entschied, auch den Mittelpunkt der Dar-
stellung einnimmt. Felsig ansteigender Boden scheidet diese neue
Hauptscene von der ersten und verräth, dass der Künstler den Um-
stand des hoch gelegenen und mühsam zu erreichenden Argivischen
Heiligthums, um das es sich handelte, wohl gekannt hat411). Be-
wahrte er also einerseits Züge, welche für die Erzählung von Kleobis
und Biton bedeutsam waren, so erlaubte er sich doch andererseits
weniger bedeutende Züge in sinnvoller Weise zu modificiren, wenn
er damit den Grundgedanken der Erzählung vertiefen und eine
engere Beziehung zu dem sepulcralen Zweck des Bildwerks erreichen
konnte. So sehen wir in der folgenden Scene zwar wiederum, wie
die Hauptzüge der Ueberlieferung wohl zur Geltung gebracht, die
Mutter vor einem Heiligthume ihre Andacht verrichtet, und die
Söhne schlafend vor ihr am Boden liegen, aber das Heiligthum
selbst und der Gestus der Andacht sind individuell und sinnvoll
ausgestaltet. Durch die Säulen des Tempelchens hindurch lassen
sich deutlich die in je zwei Felder getheilten Flügel einer verschlos-
senen Doppelthür erkennen50], und im Tympanon erblickt man
einen mit Früchten gefüllten Korb, zu dem sich von beiden Ecken
je eine Schlange emporringelt, um von den Früchten zu fressen.
Ein derartiger Schmuck hat natürlich nichts mit einem Heratempel
zu thun. Die verschlossenen Pforten finden sich häufig auf Bau-
lichkeiten römischer Sepulcralmonumente, die man als Hadespforten
oder Andeutung einer Grabaedicula aufzufassen hat51), während die

'*) Auf analoge Gesten hinzuweisen, erscheint überflüssig; jede Sammlung
griechischer Grabsteine bietet Belege dafür in Fülle dar.

49) Der Zeichner hat dies Verhältniss leider nicht genau wiedergegeben.
Links von dem Wagen ist der Boden nicht felsig, sondern senkt sich, und der an
der 1. Ecke befindliche Baum wächst unmittelbar aus dem flachen Boden heraus.

50) Hier genügt die Abbildung nicht recht.

51) vg'- das Sarkophagrelief in Catajo (Ant. Bildw. V, 570), zwei Sarko-
phage in Pisa (I, 146 und 162), einen dritten in Florenz (II, 122), einen vierten
in Mailand (V, 1009), Aschenurnen in Venedig (V, 269 und 383) und einen Grab-
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