Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 7.1883

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schon durch die Mysterien verbreitete Lehre nun auch durch die
Sprache des Bildwerks bezeugt sah, dass nämlich der Tod nur
Uebergang und Anfang zu einem seligeren Dasein ist?63). Diesen
Uebergang vermittelt auf unserem Relief das holde Licht der Nacht.
Selene eilt auf raschem Zwiegespann über die Erde dahin04); ihr
Obergewand flattert bauschig empor und rundet sich wie die Wöl-
bung des Himmels selber zum schönen Bogen. Die Knaben, welche
noch kurz vorher von schwerem Schlafe gefesselt, dalagen. eilen
nun selber, in lebhafter Bewegung das Gespann geleitend, voran,
die Gesichter mit freundlichem Blicke zurückwendend zu der irdi-
schen Stätte ihrer Mutter, die sie verlassen. Diese Vorstellung der
dem Gefährt oder den Rossen der Selene voraneilenden Knaben
war der antiken Kunst geläufig. Meist schwebt Hesperos mit der
Fackel voran65), oft kennzeichnen die voranreitenden Dioskuren
Selenes nächtlichen Pfad66), und fast wäre man versucht, in den
Knaben die Personifikation von Sternen67) zu erkennen, wie sie in
ähnlich munterer Bewegung auf der bekannten Blacas'schen Vase fc8)
sich vor dem aufsteigenden Sonnenwagen tummeln; allein daran
hindert die individuelle Auffassung der Knaben, die durch die theils
glatten, theils krausen Haare, die verschiedene Grösse und die um-
geschlungene Chlamys auf das schlagendste ihre Identität mit den
Knaben, welche den Wagen der Mutter zogen und dann am Boden
hingestreckt lagen, darthun. Hier erscheinen sie in heiterer Be-
wegung und gleichsam in verklärter Gestalt. Denn wie das Gestirn

") Vgl. Baehofen Gräbersynabolik, 296 f. und sonst.

6I) Vgl. Vergils Aeneis X, 315: „almaque curru Noctivago Phoebe medium
pulsabat Olympum." Aber schon im Homerischen Hymnus XXXII, 9 f. wird ihr
das Rossegespann zugeschrieben. Selene, Helios gegenübergestellt, ist gerade auf
römischen Sarkophagen als Einrahmung einer Darstellung sehr häufig. O. Jahn
Aich Beitr. 90 ff. aber betont bei seiner Deutung dieser Figuren wohl zu stark
den Gedanken, als handle es sich um die Darstellung zweier Zeitgrenzen, als Sym-
bols der Ewigkeit.

65) So auf dem Pisaner Sarkophage (Ant. Bildw. 1,161); auf dem Prometheus-
relief bei Gerhard Ant. Bildw. 61; auf dem Sarkophag bei R. Rochette Mon. ined.
72, 1; auf der Vase von Canossa bei Gerhard Ges. Ak. Abh. T. VII, 1; vgl.
ebenda I, 147 ff.

66) So bei R. Rochette a. O. 72, 1 und 72, A. 2.

") Sterne als Wohnsitz der Seelen auf einer Grabschrift von Thasos: «yuxv|
b' äöavd-roK ßoiiXalc; £mbnuiö<; tarw "AoTpotc, Kai iepöv xuipov ex^1 naKdpwv;
Bull, d. Inst. 1830, 48 f. Ueber den Sternencult vgl. auch Aristot. Metaph. 12, 9.

6S) Abgebildet Gerhard a. O. V, 2.
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