Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 7.1883

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Einen zweiten besonders in die Augen fallenden Punkt hat
unsere Tafel weggelassen. Die Köpfe beider Frauen der sonst
intakten Gruppe sind abgebrochen. Es lässt sich aber gar nicht
bezweifeln, dass die jetzt aufgesetzten wirklich die zugehörigen
sind. So sonderbar dieser Umstand fürs Erste aussehen mag, er
steht nicht etwa beispiellos da, sondern kehrt gerade in den klein-
asiatischen Funden wieder. Dort erscheint das Köpfen der ins
Grab mitgegebenen Terracotten fast als wesentlicher Theil des Be-
stattungsceremoniales*) und erklärt den Umstand, der mir vor
Jahren in der troischen Landschaft auffiel, dass abgebrochene
Terracottaköpfchen im lokalen Kunsthandel eine so grosse Rolle
spielen.

Als letztes Argument für den vorausgesetzten Ursprung unserer
Gruppe will ich den Nachweis zu führen suchen, dass die einzelnen
Gestalten unserer Gruppe im Formenschatz von dort sich wieder-
finden. Zum Ganzen darf ich vorläufig auf eine Notiz verweisen**).

Doch zuvor haben wir auf den Inhalt unserer Gruppe einzu-
gehen. Wir sehen zwei Frauen traulich aneinander gelehnt auf
einem Felsen sitzen, die eine hält ein Flötenpaar ruhig in der
Rechten, die andere spielt auf der Kithara; neben ihr ruht ein in
Schlaf versunkener Erot. Der Reiz der kleinen Composition war
durch reichen Farbenschmuck erhöht, von dem heute nur mehr
Reste und Spuren vorhanden sind. Die Flötenspielerin ist eine
Blondine, während ihre Genossin rothes Haar hat. Dazu passt die
Toilette beider, indem die Lichtere ein rosenrothes (wie der Erot),
die Dunklere ein lilafarbiges Obergewand um das weisse Unter-
gewand geworfen hat. Der seltsame Kopfputz jener zeigt blaue
Farbe, während die Blumen dieser Rosen zu sein scheinen. Die
Fleischtöne sind durch zartes Rosa angedeutet, der Felsen ist blau
gemalt und die musikalischen Instrumente unserer Frauen weiss.

Ich stehe nicht an, in ihnen Musen zu erkennen. Der Felsen
(dies alte Versatzstück der Koroplasten soll hier wohl den Helikon
vorstellen) verwehrt an das Frauengemach zu denken, und Eros,
der sonst musicirenden Sterblichen besonders lebhaft in seiner Weise
mitspielt, liegt hier vom Schlaf gefesselt still. Das ist die Wirkung
jener goldenen Leier Apollos und der Musen, wie sie Pindar im

*) Vergl. Bull, de corresp. hell. S. 40G f.
*•) Arch. Ztg. 1883 S. 191.
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