Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 7.1883

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weist, zum Schmucke eines Geräthes. Ihren vernehmlichsten Reiz
erhält sie durch das bogenförmig über dem Haupte der Göttin
flatternde Gewand, welches — an diesem Exemplar vielleicht noch
mit für den praktischen Zweck bestimmt, eine feste Handhabe zu
gewähren — nebst seiner flotten lebendigen Anordnung und guten,
der Natur des Bronzestils Rechnung tragenden Behandlung noch
durch die wirkungsvollen Schatten, die es auf Kopf und Brust der
Figur wirft, den Effect derselben erhöht. Ob dieses Gewandmotiv,
das sich von den bei Bernoulli aufgezählten Repliken nur noch bei
zweien4) wiederfindet, von Ursprung an mit zu der Composition ge-
hörte oder erst später hinzukam, ist schwer zu sagen. Es liegt sicher
am nächsten, die ursprüngliche Erfindung in jenen Exemplaren zu
suchen, die das Körpermotiv rein und ohne jedes Heiwerk geben,
und welche die schönsten, freilich auch nicht durchgehends unbe-
strittenen Vertreter des Typus enthalten0). Doch wird bei diesen
die Art, wie der linke Arm in freier Schwebe gehalten wird, ver-
bunden mit dem vom Fusse weggewandten Blick, das Momentane
der Action vielleicht zu sehr empfinden und ein Gegengewicht ver-
missen lassen. Das Malerische des über dem Haupte sich bauschen-
den Gewandes") widerspräche dem Charakter der Figur selbst7)
nicht, und konnte man, ohne an der beabsichtigten Wirkung der
Composition etwas zu schmälern, durch das Gewand nichts von
dem Körper verdecken lassen, so brauchte darum auf den Gegen-
satz der bewegten Draperie zu dem entblössten Leibe, wie ihn der
Hermes und die knidische Aphrodite des Praxiteles aufweisen, nicht
verzichtet zu werden. Wie es nun auch hiemit stehen mag, so
erweist sich jedenfalls als ein hinzugekommener Nothbehelf die
Stütze, die, bei den Marmorrepliken begreiflich und bei den anderen

*) Beide im britischen Museum, abgeb. Gerhard Akad. Abband. Tat'. LV, 3
(Guide p. 50) und Vaux Bandbook 1851 p. 428.

s) Mir sind ausser den Wiener Exemplaren nur jene, von denen Abbildungen
varlianden sind, zur Vergleichung zugänglich. — [Von der Bronze des brit. Museums
Guide p. 53 = Bernoulli n. 16 S. 332 verdanke ich noch W. Klein die Kenntnis
einer Photographie.] *

6) Stephani Comjjte rendu pour l'annee 1866 hält dieses Gewaudmotiv nicht
l'iiv älter als das dritte Jahrhundert. Auf dem Westfrics von Gjülbasclii findet es
sich bei der auf dem Maulthier reitenden Frauengestalt (Arch.-epigr. Mittb. VI
Taf. VII. VIII rechts unten).

') Im Wesentlichen der Körperhaltung mit dem Scurz des gehobenen linken
Beines übereinstimmend ist der tanzende Satyr auf der Vase aus Adernö bei Benn-
dorf Griech. und sicil. Vasenbilder Taf. XXXXIV = Vorlegebl. Ser. B, Taf. III, 3.
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