Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 8.1884

Seite: 228
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/archepigrmoeu1884/0238
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
228

Scherbe aus Carnuntum

den Hermes des Praxiteles darstellend

(Tafel V)

Der bald nach 1876 im Heraion zu Olympia gemachte wunder-
bare Fund des Hermes von Praxiteles hat die Geister mächtig an-
und aufgeregt. Archäologen, Künstler und Kunstfreunde waren
entzückt über den Gewinn des für immer verloren geglaubten, durch
Pausanias (V, 17, 1) constatierten herrlichen Marmorwerkes, über
die „blühende Anmuth der Formen", die „unübertrefflich feine Aus-
führung einer der reifsten Schöpfungen der griechischen Bildhauerei".
Archäologen und Künstler machten sich daran, gedanklich und
plastisch den fehlenden Theil des rechten Armes und das Motiv
der erhobenen Stellung desselben in wahrscheinlicher Weise zu er-
klären und zu ergänzen. Die verschiedensten Ideen machten sich
in letzterer Beziehung geltend; aber bald hatte das Motiv einer
von der erhobenen Hand gehaltenen Traube, nach welcher das
Dionysoskind aufblickend verlangt, über alle anderen Erklärungs-
versuche gesiegt und wurde bekanntlich auch bereits bei Nach-
bildungen der Statue in Ausführung gebracht. Und doch dürfte
die anfangs ebenfalls aufgetauchte Annahme, dass die Rechte einen
Thyrsosstab oder dergleichen hält, die vor allen berechtigte sein.

Es folge hier ein Wahrscheinlichkeitsbeweis dafür.

Als ich im Jahre 1876 ein paar Tage in Deutsch - Altenburg
mich aufhielt, brachte ich unter den dort im Bereich des alten Car-
nuntum aufgelesenen römischen Anticaglien auch einige Fragmente
von Gefässen aus Terra sigillata mit nach Hause, von welchen zwei
mit Namensinschriften der Fabrikanten und zwei mit bildlichen
Darstellungen in flachem Relief ausgestattet sind. Von den letzteren
zeigt eines die „Entführung der Europa" in recht lebendigen Formen,
gewiss nach einem guten Vorbilde; das andere die durch den Fund
des Werkes von Praxiteles berühmt gewordene, den Dionysosknaben
tragende Gestalt des Hermes.

Kaum hatte ich bald darauf die erste Zeichnung des Hermes
fundes von Olympia gesehen, als mir klar wurde, dass dieses herr-
liche Werk des Praxiteles das Vorbild für die im Alterthum un-
zweifelhaft sehr verbreitete Darstellungsart dieses mythologischen
Gegenstandes gewesen, welche auch für das Relief dieses Gefässes
loading ...