Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 8.1884

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verwendet worden war. Ebenso drängte sich mir im Zusammen-
hange damit auch sogleich die Ueberzeugung auf, dass — nach
Analogie meines Deutsch-Altenburger Gefässfragmentes — für den
rechten Arm der Statue von Olympia nur ein langer Stab (Thyrsos-
stab?) von der etwas über die Linie des Kopfes reichenden Hand
in etwas schiefer Richtung gehalten gedacht werden kann.

In der für den Gegenstand gewiss wichtigen — wie die bei-
gegebene Abbildung auf Taf. V zeigt — fast ganz genau die An-
ordnung und Bewegung der Hermesstatue von Praxiteles weisenden
Darstellung auf dem Gefässfragment aus Carnuntum (welche von
der obersten Linie der erhobenen Hand bis zum unteren, an den
Schenkeln abgebrochenen Endpunkt 30 Mm. hoch und von einer
Hand zur anderen 25 Mm. breit ist) hält die Gestalt des Hermes,
bei etwas weniger erhobenem Arm, mit der rechten Hand einen
langen Stab, der sich am Hüftenpunkte mehr dem Körper nähert.
Der Kopf des Hermes dürfte — was sich in Folge der vorhandenen
Abscheuerung der höheren Theile des kleinen Reliefs nicht ganz
sicher erkennen lässt — dieselbe Wendung dem Dionysoskinde zu,
wie bei der Statue, haben; und der rechte Arm des Knaben langt
unverkennbar an der linken Achsel des Hermes hinauf, während
der linke am Leibe gebogen scheint. Auch die Endtheile des Ge-
wandstückes , in welches die Beine und Füsse des Knaben einge-
hüllt sind, hängen — wie bei der Statue — unterhalb des das
Kind (ein wenig weiter entfernt vom Leib) tragenden linken
Armes herab.

Die Frage, ob der von der rechten Hand des Hermes gehaltene
Stab ein Thyrsosstab ist, lässt sich nicht entscheiden, da die obere
Endung desselben auf dem Fragmente fehlt. Aber ich möchte diese
Annahme für die natürlichste halten.

Unter den weit über 10.000 Stücke zählenden Gemmenpasten
meiner Sammlung — in welcher die Darstellung des den Dionysos-
knaben tragenden Hermes fünfmal abweichend und verschiedenartig
vertreten ist — findet sich sowohl ein Hermes mit einem sehr langen
Caduceus (alt-etruskisch: Cades III, 112), als auch einer, ohne
Dionysoskind, mit einfachem langen Stab, bei ganz gleich erhobenem
Arm (Lippert, Suppl. A, 195).

Ich habe dies mein interessantes, mir durch einen glücklichen
Zufall in die Hände gekommenes Gefässfragment im Lauf der
letzten Jahre, unter Mittheilung meiner Vermuthung, mehreren mich
besuchenden Archäologen vorgewiesen und ohne Ausnahme ihre
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