Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 8.1884

Seite: 231
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Die Leistung des Berliner Meisters hat unverkennbar eine
feinere Durchbildung aller neu hinzugefügten Formen voraus. Sofern
die Photographie nicht täuscht, ist ihr auch ein glücklicheres Eben-
mass der Beine eigen, indem sie die Unterschenkel um ein Geringes
kürzer annahm als in Wien geschehen ist. Aber in der Haupt-
sache, in dem Stande der Figur, stimmt sie mit der Ergänzung
Schwerzeks vollkommen überein. Die breite Anlage des Ganzen,
die schweren Verhältnisse im Körper des Hermes treten hier wie
dort verstärkt hervor, und ich bekenne erst durch diese Ergän-
zungen ganz von einem Sachverhalte überzeugt worden zu sein,
welchen Brunn zuerst und von Anfang an mit grosser Bestimmtheit
behauptet hatte. Auch die Haltung des Knaben, der mit dem linken
Arme über die Brust herübergreift, ist dem allgemeinen Motiv nach
im Wesentlichen die gleiche, und als Attribut der erhobenen rechten
Hand ist beide Male eine Traube benutzt.

Erst in der Art wie diese Traube gehoben und gehalten wird,
gehen die beiden Wiederherstellungen beträchtlich auseinander.
Nach verschiedenen Proben, die an lebenden Modellen angestellt
wurden, erachteten die Wiener Künstler es für möglich, den Arm
fast bis zu einem rechten Winkel zu beugen und die Hand ein-
wärts etwas zu senken, so dass sie — bei scharfer Vorderansicht
— die Traube seitlich nahe über dem Kopfe des Hermes hält, nicht
weit entfernt von einer Verticallinie, die den linken Band des Haares
über dem rechten Ohre berühren würde. Umgekehrt führte Professor
Schaper den Arm, mit einer weit geringeren Beugung, ziemlich
diagonal nach links oben heraus, und die Hand folgt dieser Be-
wegung, indem sie die Traube freier, aufrechter hält, auch frisch
in der Mitte umfasst, während die Traube in Wien von der ge-
schlossenen Hand mehr wie ein Pendel herabhängt. Es ist erstaun-
lich einen wie verschiedenen Sinn diese scheinbar nicht sehr bedeu-
tende Variation in die dargestellte Handlung bringt, eine wie völlig
veränderte Klangfarbe damit der Accord der Gruppe erhält. Hier
wird dem Kinde die Frucht, nach der es verlangt, mit einer fast
weiblichen Anmuth der Bewegung willfährig genähert; der Vorgang
hat etwas Sanftes, Zahmes erhalten. Dort fährt der Arm, wie einer
Eingebung des Augenblicks folgend, resolut und mit dem Eindrucke
von überschüssiger Jugendkraft heraus, man möchte eher glauben,
um die Frucht dem Kinde vorzuenthalten. Ueber dem Vergleichen
tritt das Problem als solches zurück vor dem Interesse der unmittel-
baren Wahrnehmung, wie künstlerisches Nachschaffen, auch wo
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