Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 8.1884

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noch so viele Prämissen gegeben sind, sich gottlob doch nicht in ein
Rechenexempel auflöst, wie unendlich leichter volle Einheitlichkeit
von dem frei Producierenden getroffen wird und wie hochorgani-
sierte Kunstwerke bis in die geringsten Partikeln hinein unerbittlich
individuell bleiben.

Hatte die Arbeit Herrn Schwerzeks für uns alle das Verdienst,
hauptsächlich die grosse Schwierigkeit der Sache deutlicher vor
Augen zu stellen, so fürchte ich, dass auch diejenige Professor
Schapers bei allen Vorzügen im Einzelnen nicht allgemein als end-
giltige Lösung erscheinen werde. Auch sie lässt für meine Empfin-
dung, sowohl in dem formellen Rythmus der Bewegung wie in der
momentanen, nach dem Stilgefühle der älteren griechischen Zeit
vielleicht überfrischen Action immer etwas nicht ganz Befriedigendes
zurück, und ich gestehe, dass sich mir diese Zweifel angesichts der
Scherbe von Carnuntum verstärkt haben.

Die Zusammenstellung von Wiederholungen des Gegenstandes,
welche die Wiener Vorlegeblätter Serie A Taf. XII selbstver-
ständlich ohne Absicht auf Vollständigkeit brachten, ist neuerdings
durch Cecil Smith im Journal of hellenic studies III S. 81 vermehrt
worden. Auch in seiner reicheren Liste treten indess nur die beiden
früher schon bekannten Monumente, das Silberrelief des Turiner
Tiegels und das Votivrelief von Godramstein im Antiquarium zu Mann-
heim, als näher verwandt heraus. Nur in diesen beiden Fällen ist
der rechte Arm des Hermes erhoben und zwar beide Male nach dem
Kopfe zurückgebogen, das eine Mal mit dem Beutel, das andere
Mal mit der Traube. Wie sich in dieser Hinsicht eine Bronzegruppe
im Besitze Baron de Wittes verhalte, über welche kürzlich in der
Revue archeologique 1883 S. 185 eine Notiz gegeben ist, lässt sich
nach dieser Notiz nicht beurtheilen. Jetzt kommt als drittes Ze.ugniss
die Scherbe von Carnuntum in die engere Liste, und zwar unbe-
denklich an die erste Stelle.

Das Kind wird hier etwas weiter vom Körper weggehalten
und der Baumstamm fehlt; der rechte Oberarm des Hermes ist
nicht ganz so hoch erhoben und die Haltung des abgescheuerten
Kopfes nicht mehr zu bestimmen. Aber die ganze Bewegung in
dem Körper des Hermes, das herabfallende Gewand, das Kind
das mit dem rechten Arm, wie ich an dem Original gleichfalls zu
erkennen glaube, wirklich auf die linke Achsel des Gottes hinauf-
reicht, stimmt genau überein, und die Summe dieser Uebereinstim-
mungen ist eine immerhin so grosse, dass ich sie nicht für Zufall
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