Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 8.1884

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halten kann. Auch das Attribut der rechten Hand des Hermes ist
an sich so singulär, oder tritt wenigstens in der ganzen Reihe der
herangezogenen Monumente hier in so singulärer Verwendung auf,
dass es die Beweiskraft zu steigern scheint.

Schon der eigentliche Entdecker des Praxitelischen Werke?,
Georg Treu, hatte in seiner ersten verdienstvollen Publication für
die rechte Hand des Hermes einen Thyrsos gefordert, eine solche
Stütze wenigstens als dem Gleichgewichte der Composition sehr
günstig bezeichnet. Allen ist in frischer Erinnerung, wie die schöne
Eirene des Kephisodot erst durch die Ergänzung des aufgestützten
Scepters, welches dann die athenische Münze bestätigte, ihren vollen
ursprünglichen Werth erhielt; und ein stabartiges Attribut in der
Hand des Hermes, sei es nun Scepter oder Thyrsos (denn ein langes
Kerykeion , wie Cecil Smith für möglich hält ohne zu verkennen
dass ein solches dem Hermestypus des vierten Jahrhunderts fremd
ist, steht ausser Frage) würde wie ein letztes Schlussglied sich den
Darlegungen Brunns einfügen, welche das Werk für eine Jugend-
arbeit des grossen Künstlers, entstanden unter dem Einflüsse des
Vaters Kephisodot und unter Anlehnung an seine Eirene, erklärten.
Es wäre überraschend, aber in der chaotischen Ueberlieferung der
antiken Denkmälerwelt keineswegs befremdend, wenn wir aus Car-
nuntum einmal eine Aufklärung über Olympia erhielten.

Meines Wissens findet sich auf dem Reste der in die Basis
eingelassenen Standplatte der Gruppe keine Spur, die auf den Ein-
satz eines stabartigen Attributes deuten könnte, und natürlicher
Weise würde man eine solche Spur dort vorauszusetzen haben. Ob
es möglich ist, die Hand so weit herauszubringen, dass ein Stab
wenigstens für die Ansicht von vorn den rechten Schenkel nicht
überschnitte oder seinem Contour nicht allzunahe käme? Ich be-
daure lebhaft, dass hier in Wien, so viel ich weiss, kein derartiger
Versuch gemacht worden ist, denn eine Entscheidung werden nur
sehr genaue Proben abgeben können. Da ich zu solchen jetzt keine
Möglichkeit sehe, endigt die Betrachtung für mich vorläufig mit
jener Frage. Aber ich meine, es sei schon ein Verdienst, und ich
bin jedesfalls Herrn Rollet dankbar dafür, in einer so viel erörterten
Angelegenheit zu einer begründeten Fragestellung geführt zu haben.

0. B.
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