Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 9.1885

Seite: 86
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Diese Stelle, deren Beziehung zu dem Bilde des Brygos mir
schon seit langem klar war, ist kürzlich von H. E. Meyer in seinem
trefflichen Buch über die Gandharven-Kentauren S. 196 auf die von
Matz in der ArchäoL Zeitung 1875 Taf. 4 veröffentlichte Reliefdarstel-
lung angewandt, um die von Matz abgelehnte Deutung der weib-
lichen Gestalt zwischen zwei Windgöttern auf Iris zu stützen. Er
mag Recht haben , aber indem die Windgötter dort nur ihrem
Blasen ergeben sind, die Läuferin ungehindert weiter eilt, fehlt eben
die charakteristische Begehrlichkeit der Winde gegenüber der Iris,
wie sie in der Ilias ausgesprochen, in jenen Vasenbildern darge-
stellt ist, allerdings auf Satyrn und Kentauren übertragen. Man
wird ja nicht das geltend machen wollen, dass dort nicht gesagt
wird, dass die Winde die Iris anfassen und dass die Begehrlichkeit
der Iris gegenüber in der Ilias bei ihrer Ankunft, vor Ausrichtung
des Auftrags, in den Bildern bei dem Forteilen hervorbricht: im
Bilde musste dies aus jenem werden, das e\g e eKacrxog aber ist in
den Bildern nach Möglichkeit wiedergegeben.

Dass nun Kentauren und Satyrn (Seilene) nach Form und Wesen
verwandt, dass die einen und die anderen nur localverschiedene
Ausprägungen derselben Urvorstellungen sind, ist oft genug und
namentlich in neuerer Zeit ausgesprochen und ausgeführt; dass die
Kentauren mythisch die Wolkenstürme sind, das hat Mannhardt
(Wald- und Feldculte II, besonders S. 100 f., allerdings mit starker
Betonung ihrer Waldnatur) gezeigt ohne die Identität mit den Gand-
harven anzuerkennen, das hat mit Anerkennung und sichrerer Be-
gründung dieser Identität H. E. Meyer erwiesen, und Niemandem
entgeht es, dass gerade an jener Stelle der Ilias die im Verein
drinnen — in einer Grotte oder einem Palast? — zechenden oder
schmausenden, beim Anblick des Weibes dann begehrlich auf-
fahrenden, hernach r\x^ Oecrrreöir) v^qpea KXoveovxe davonstürmenden
Winde den Satyrn und Kentauren zum Verwechseln ähnlich sehen,
namentlich wenn man die nicht an dieser aber wohl an anderen
homerischen Stellen hervortretende Rossnatur der Windgötter da-
zuhält.

Auch das Gegenstück, welches Brygos auf derselben Schale
gemalt, und wie es scheint hatte auch der Florentiner Kentauren-
skyphos ein andres Kentaurenbild als Gegenstück: Hera vor
ähnlicher, doch etwas mehr zurückhaltender Zudringlichkeit der
Satyrn durch Herakles' Energie und Hermes' Ermahnungen ge-
schützt , führt uns in denselben Zusammenhang. Denn wer er-
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