Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 9.1885

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sammenstellung Anstoss genommen und eine Aenderung vorge-
schlagen, die so viel ich weiss nirgends Zustimmung gefunden hat.
Darnach soll Hermes nicht den Dionysosknaben aufwärts tragen,
sondern das ei'buj\ov des Herakles in die Unterwelt geleiten, wäh-
rend der echte seine Apotheose feiert6). Auf Brunn geht die jetzt
allgemein angenommene Vermuthung zurück, dass Hermes den
Dionysosknaben zur Erde, den nysaeischen Nymphen bringend,
gedacht war. Dasselbe Vasenbild, auf das sich Stephani berufen
zu können glaubte7) — es stellt Hermes vor, der das Herakles-
kind durch die Luft trägt — zeugt für die Brunn'sche Deutung,
denn auf der Rückseite des Gefässes erscheint Chiron zur Ueber-
nahme des Pfleglings. Der Typus der Münchner Vase ist aber
kaum für Herakles erfunden. Der Kentaur entstammt dem Bild
von der Uebergabe des jungen Achill und der Typus des Hermes
mit dem Dionysoskinde, der seine eigene an Ehren reiche Geschichte
hat,, gab das Vorbild für die Hauptscene. Das Verfahren des
Vasenmalers, durch Zerschneiden und Zusammensetzen den vor-
handenen Typenschatz zu mehren, bietet hier eine schlagende Pa-
rallele zur Entstehung des dargestellten Mythos.

Stellen wir uns nach Massgabe dieses Bildes die Scene am
amykläischen Throne vor, dann begreifen wir den Irrthum des
Pausanias. Völlig unbegreiflich aber müsste er bleiben, wenn die
Uebergabe des Dionysoskindes an die Nymphen geschildert gewesen
wäre, wie die allgemeine Annahme lautet. In dem höchst kunstvoll
aufgebauten Responsionssysteme, das nach Brunn die Bildwerke
des Thrones bilden, war eine solche Auffassung nöthig, weil dies
Bild über sieben dazwischen liegende mit dem Parisurtheil (10) zu
stimmen war. Aber über der künstlichen Gleichung in der Ferne,
Hermes mit drei Göttinnen und Hermes mit Nymphen, wurde eine
wirklich überlieferte in nächster Nähe völlig übersehen, die Ueber-
gabe des Achill von Peleus an Chiron (13), und dass diese Typen
auch äusserlich als zusammengehörige behandelt wurden, lehrt ja
gerade die Münchner Amphora. Auch Pausanias hat die Zu-
sammengehörigkeit dieser beiden Scenen verkannt. Seine verkehrte
Deutung ist gerade dadurch hervorgerufen worden, dass er sie zu
jener Nachbarscene zog, mit der sie in keinem besonderen Verhält-

6) Der Kampf zwischen Theseus und Minotaurus S. 65. Dagegen Jahn Arch.
Beitr. S. 257 f., worauf Stephani Mel. graeco. I S. 129 erwiedert hat.

7) München 611 abff. A. Z. 1876 Tf. 17.
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