Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 9.1885

Seite: 159
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förmig gestreckt zu denken, während wir für jedes der sechs anderen
Bilder eine Analogie aus den metopenartigen Feldern der Kypseliden-
Kypsele aufweisen können. II4 nahm am selben Denkmal den
Raum von sechs Scenen ein. Geht man nun dieser Analogie nur
einen Schritt weiter nach, so kommt man zu folgendem über-
raschendem Schluss. Wir brauchen die Langscenen nur nach diesem
Vorbild mit 6 zu 1 zu bewerthen, um das Septimalsystem hier in
das Duodecimalsystem jener aufzulösen, ja wir brauchen uns nur
zu erinnern, wie die sieben Darstellungen der untersten Reihe der
Kypsele zu zwölf Scenen wurden, um die Behauptung wagen zu
dürfen, dass es ein und dasselbe ordnende Princip ist, das in zwei
gleichberechtigten Variationen die beiden nahverwandten Werke
der archaischen Kunst beherrscht9).

Ich gehe nun zur Anordnung der übrigen Bildwerke der
Aussenseite über, indem ich die weiteren graphischen Schemata gebe.

III



4 Kentaurenschlacht

Herakles u. Kyknos

3



5

Atlas

2



6

Zeus u. Poseidon rauben
die Atlantiden

1



7

Theseus und der Stier
Choros des Theseus (?)
Perseus und Medusa

9) Gegen die angenommene Bewerthung der Langseite auf die Summe der
übrigen Scenen des Schemas wird man vielleicht II 7 als Gegengrund anführen.
War die Lösung Hectors nicht mit jener prägnanten Kürze dargestellt, wie sie
uns die olympische und die Berliner Bronzeplatte zeigen, sondern folgte den Haupt-
personen noch die Schaar der Gefässe tragenden Diener, dann lässt sich diese
Scene auf den geforderten Raum nicht zusammen drängen. Dies ist ohne Weiteres
zuzugeben, es folgt daraus aber nur, dass weder das eine noch das andere dar-
gestellt war. Es war bloss der Zug der Troer mit den Gefässen zu sehen, wofür
schon der Irrthum des Pausanias spricht, dessen Entstehung anders ja kaum be-
greiflich wird, und unter dieser Voraussetzung gewinnen wir für die Typengeschichte
der Lösung Hectors eine klarere Anschauung. Aus dem friesartigen Zuge, der
das ganze Ereigniss ausführlich erzählte, bilden sich durch Spaltung zwei kleinere
Scenen heraus, die eine Zeit lang ein eigenthümliches Leben führen, jedoch ohne
sich auf die Dauer gegen den alten Typus halten zu können. Eine völlig ähn-
liche Erscheinung bietet der Typus von der Ermordung des Troilos wie vom Kampf
des Herakles mit Geryoneus, wie ich Euphronios S. 41 auseinandergesetzt habe.
Wie die Geryoneusschale dieses Meisters auf ihrer Aussenseite zwei ursprünglich
zusammengehörige Scenen wieder vereinigt, so erscheint auf einer Münchner
Memnonsschale (404) den Troern, welche Geschenke zur Lösung bringen, die eine
Aussenseite eingeräumt, als letzter Nachhall der ehemaligen Selbstständigkeit
dieser Scene.
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