Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 9.1885

Seite: 168
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dass von diesem Standpunkte aus auch andere Göttergräber als
das des vergötterten Hyakinthos verständlich werden.

Leicht und ungezwungen hat sich die Fülle der einzelnen
Bildwerke in ein einfaches tektonisches Ganze eingefügt, und es
erübrigt noch zu fragen, ob nicht auch ein innerer Zusammenhang
nachzuweisen sei, der sie zu einem geistigen Ganzen vereinigt.
Dass man auch bei eingehendem Studium umsonst nach einer Be-
ziehung der Einzelscenen innerhalb eines Schema's wie einer solchen
der Schemata zu einander, suchen wird, glaube ich aussprechen zu
dürfen. Auch um den Gott, dessen Thron sie schmücken, kümmern
sich die Bildwerke merkürdig wenig, sie melden bloss eine That
von ihm, die er gemeinsam mit seiner Schwester vollbracht hat.
Doch wir haben gar nicht nöthig, innerhalb der Bildwerke nach
mehr als gelegentlichen Beziehungen zu spähen, denn ehe wir an
diese selbst herantreten, konnten wir aus dem Munde des Meisters
vernehmen, was ihre Fülle zu bedeuten habe. Die Thronstützer
haben jenes homerische Motto monumental wiederholt, soll das hier
nichts weiter sein als ein Ueberbleibsel aus alter Zeit? Der
Achillesschild war seiner Form nach zu einem Weltbilde wie ge-
schaffen, die künstlerische Ausschmückung vollzog nur die weitere
Ausführung und Detaillirung des in der Form gegebenen Grund-
planes. Anders ist das Weltbild, das uns der Schmuck des amy-
kläischen Thrones bietet. Will der Künstler dort uns die Welt
real auf einer Karte vorführen, so will Bathykles hier ihre Ge-
schichte erzählen, die im Sinne und Herzen dieser Zeit natürlich
nur die mythische sein kann. Dort ist der Mythos völlig ausge-
schlossen, hier ist er alleinherrschend, denn der Choros des Meisters
und seiner Genossen hat nur als monumentale Künstlerinschrift
ihre Berechtigung. Und das kosmische Princip ist auch hier ge-
wahrt. So stehen den Thaten des Herakles auf der Erde, sein
Einzug in den Olymp, sein Eindringen in die Unterwelt und sein
Kampf mit dem Halios Geron zur Seite, so haben die Götterge-
schichten neben der Heldensage ausreichende Vertretung gefunden.
Aber Amyklä bleibt der Mittelpunkt der Welt, ob auch Apoll nicht
auf seinem Omphalos dasteht, die Tyndaridensage ist nächst der
herakleischen am besten vertreten, und als besonders bezeich-
nend mag es erwähnt werden, dass auch eine kleine Reihe von
Tyndaridenporträts auch der weiblichen Linie vorgeführt werden,
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