Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 9.1885

Seite: 179
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dem jüngeren Kephisodot herrühre. Das Widersinnige dieser Alter-
native hat Brunn gewiss empfunden, als er ihr die Frage anfügte:
Sollte also etwa Philo einen solchen Commentar zu den Regeln des
Theodoros geschrieben haben? Aber heute erscheint uns diese Zu-
muthung wohl recht seltsam. Weit eher wäre doch daran zu
denken, dass der Name des Meisters der piräischen Hoplothek, der
ja dem des alten Samiers nicht voraufgehen kann, einfach ver-
dorben ist. Und die Verbesserung liegt so nahe. Theodoros er-
scheint so oft in der Verbindung mit Rhoikos, dem Sohne des
Philaios. Für diesen letzteren treffen alle Bedingungen zu, die für
Philo fehlen und die Aenderung ist gewiss unbedenklich, Schade
nur, dass wir von Philaios gar nichts weiter wissen, er gehört zu
jenen Künstlern, deren Name nur im Genitiv vorkommt. Ich glaube
aber, das ist doch auch ein wenig unsere Schuld, denn so viel ich
sehe, ist von ihm bei Vitruv die Rede, jetzt freilich nur mehr im
kritischen Apparat, aber früher stand er unerkannt im Texte selbst.
Im 12. Capitel des ersten Buches führt Vitruv für seine Aus-
einandersetzung über die Notwendigkeit der gründlichen Bildung
eines Architekten eine Autorität an, die durch ihr Alter dem Leser
imponiren soll, wenu er selbst ihr auch nicht ganz beistimmt:
ideoque de veteribus architectis Pytheos, qai Primae aedem Minervae
nobiliter est architectatus, ait in suis commentariis architectum omnibus
artibus et doctrinis plus oportere posse facere quam qui singulas res
suis industriis et exercitationibus ad summam claritatem perduxerunt
Als antiqui architecii, welche gegen den dorischen Stil aufgetreten
seien, bezeichnet er IV 3 Tarchesios Pytheus und Hermogenes23).

23) Dass man den erstgenannten mit Recht mit dem VII praef. 12 genannten
Angelios, der über die korinthische Ordnung schrieb, identificirt hat, möchte ich
bezweifeln, denn dass schlechte Handschriften an unserer Stelle die Leseart
archesius bieten, ist doch von keiner Bedeutung. Bezüglich der Zeitbestimmung
des Hermogenes hat Brunn Kstl. II 359 den terminus post quem aus der Notiz bei
Strabo über die Verlegung der Stadt Magnesia erschliessen wollen, da der Tempel
der Leukophryne, den Hermogenes erbaut hatte, in der Neustadt lag, die erst in
nachthemistokleischer Zeit entstanden war. Ich halte den Schluss, so naheliegend
er scheint, für sehr wenig zwingend. Der Tempel konnte von Anfang an ebenso
gut weit ab von der Stadt angelegt worden sein, als das Astemision von Ephesos,
das nach der Angabe Herodots (I 26) 7 Stadien von der Altstadt lag und ebenso
gut wie da die Neustadt (Strabo XIV p. 640) zum Tempel hinrückte, mochte Neu-
Magnesia seinem Hauptheiligthume nachrücken. Was wir sonst von diesem be-
rühmten Architekten erfahren, der nach Vitruv den Pseudodipteralbau erfunden haben
soll, lässt ihn am besten neben Rhoikos und Theodoros, neben Chersiphron und

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