Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 9.1885

Seite: 182
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Was wir noch von Fragen, die die samische Kunstschule be-
treffen, zu erörtern haben, können wir am einfachsten an eine Be-
sprechung der Nachrichten über Theodoros und seine Werke an-
knüpfen. In ihm gipfelt die ganze Schule und die Meister, die
neben ihm erscheinen, erscheinen so gut wie nie für sich allein.
Ich muss in der Aufzählung seiner Thaten zunächst mit seinen
Erfindungen beginnen, die freilich mehr der Künstlersage als der
Kunstgeschichte angehören, ihm aber doch in derselben26) das Prä-
dicat des erfindungsreichen verschafft haben. Wie Plinius dazu
kam, die Erfindung der Thonplastik Rhoikos und Theodoros allein
zuzuschreiben, wissen wir; auf welche Autoritäten hin er sich be-
wogen fand, dem Theodoros das Patent für Winkelmaass, Setzwage,
Zirkel und Schlüssel zu ertheilen, interessirt uns hier sehr wenig.
Von der Entdeckung des Verfahrens, einen feuchten Grund auszu-
trocknen , habe ich schon gesprochen, und so bleibt uns demnach
nur noch von der ihm mit Rhoikos gemeinsamen Erfindung des
Erzgusses zu handeln. Vor allem steht die Thatsache fest, dass
derselbe viele Jahrhunderte vor den beiden samischen Meistern
schon erfunden war, er brauchte nur aus dem Orient herüberge-
nommen zu werden. Nun haben ja nach der schönen Geschichte
von den zwei Hälften des samischen Apollobildes Theodoros und
Telekles ihre ganze plastische Kunst aus Aegypten her bezogen,
sonderbarer Weise aber sind sie gerade im Punkte des Erzgusses
so ziemlich auf dem alten Standpunkt geblieben.

Pausanias ist der einzige, der diese Erfindung ausdrücklich
erwähnt, dass er es dreimal thut, bezeugt, dass er felsenfest daran
glaubt und das ist um so anerkennenswerther, als er doch zugleich
mit grossem Freimuthe gesteht, dass er von Theodoros kein Erz-
werk kennt und dass das einzige von Rhoikos, welches er selbst
gesehen, zu dem allerprimitivsten gehöre, was es nur gebe27). Dazu
passirt es ihm noch, dass er sich in ganz ähnlicher Weise über

doch wohl ursprünglich den Sinn, für die sämmtlichen gefundenen Metalle zu re-
präsentiren. Die populär gewordene Auffassung, die sie für ein Sinnbild der all-
mähligen Verschlechterung auffasste, geht auf Ephoros zurück. Vergl. Müller Fr.
hist. gr. I p. 276. Bei Aelian Hist. Anim. XII 40 wird für das goldene Thier eine
andere Dedicationsursache nach Aristoteles erzählt: Ein Schaf habe auf die Spur
zur Wiederauffindung von gestohlenem Golde geführt, was nichts weiter als eine
Verballhornung des echten Fundberichtes ist.

56) Brunn II 388.

57) X 38, 6. Dennoch datirt er nach dieser Erfindung IX 41, I.
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