Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 9.1885

Seite: 184
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er nennt Rhoikos und Theodoros und mit ihnen als dritten Smilis,
den Schöpfer des Tempelbildes, aber als Erbauer des lemnischen
Labyrinthes. Die Ungereimtheiten und Seltsamkeiten, die er von
diesem erzählt, haben schon Urlichs dazu gebracht, das Ganze für
eine Fabel zu erklären, während Förster den Ausweg noch offen
hält, „geradezu eine Verwechslung der Baumeister des lemnischen
Labyrinthes mit denen des samischen Heraions" anzunehmen. Allein
der wirkliche Thatbestand blickt durch alle Verwirrungen so deut-
lich durch, dass seine Aufzeigung, wie mir wenigstens scheint, völlig
im Bereiche der Möglichkeit liegt. Im 36. Buche (90) berichtet
Plinius in seinem Bericht über die Weltwunder in unmittelbarem
Anschlüsse an das ägyptische Labyrinth: et de Cretico labyrintho
satis dictum est. Lemnius similis Uli columnis tantum CL memorabüior
fuit, quarum in officina turbines ita librati pependerunt ut puero cir-
cumagente tornarentur. architecti fecere Smilis et Rhoecus et Theo-
dorus indigenae exstantque adhuc reliquiae eins.

Nun sind Rhoikos und Theodoros, auf die sich das indigenae
bezieht, bekanntlich keine Lemnier. Der Ausdruck erinnert aber
an die Notiz Herodots über Rhoikos als den ersten Baumeister
des samischen Heraions, den er als emxuupioc; bezeichnet. Aber
schon vorher, im 34. Buche (83), hat Plinius von diesem Labyrinth
vorläufige Kunde gegeben, aber da ist es nicht in Lemnos, sondern
in Samos. Theodorus qui labyrinthum fecit Sami ipse se ex aere fudit
und dann folgt die nähere Beschreibung des Selbstporträts, deren
schwere Missverständnisse durch die scharfsinnigen Erörterungen
Benndorfs und Löschckes ihre erheiternde Lösung gefunden haben.
Bezüglich der Discrepanz mit der späteren Ortsangabe hat man
sich seit Otfried Müller durch ein Komma vor Sami geholfen. Man
dachte damals noch anders von unserem Autor, aber ganz abge-
sehen davon, dass diese Art der Ortsangabe zum Selbstporträt
nicht passen will, da für ein solches keineswegs monumentales Werk
die Angabe, wo es gemacht wurde, nicht die, wo es sich befand, ver-
treten kann, muss doch hier eine nähere Bestimmung des Labyrinthes,
von dem ja noch gar nicht die Rede war, verlangt werden. In den
Schriftquellensammlungen ist das freilich nicht nöthig, da kann man
beide Stellen in umgekehrter Folge bequem nebeneinander stellen.
Plinius hat sich also an der späteren Stelle geirrt. Das Labyrinth,
das die einheimischen Meister gebaut haben und dessen Reste noch
zu seiner Zeit bestanden, war zu Samos. Die drei Meisternamen
aber weisen auf die Möglichkeit einer Identification des Heraions
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