Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 9.1885

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gewesen sein, dem älteren Meister nach Sparta nachzufolgen85).
Wann er von' da und auf welchen Umwegen er etwa in die Heimat
zurückgekehrt sei, wissen wir nicht näher. Unter Polykrates
62, 1 (?)—64, 4 (532(?)—521) hat er am Ruhme desselben thätigen
Antheil genommen36).

Die hellenische Kunst an den Tyrannenhöfen, dies ist der
legitime Name jenes Capitels der griechischen Kunstgeschichte,
welches uns die ersten historisch erkennbaren Künstlergestalten
vorführt. Die lydischen Mermnaden stehen da in einer Reihe mit
den Kypseliden, Orthagoriden und Pisistratiden, deren Höfe völlig
vergleichbar mit denen der Gewaltherrscher der italienischen Renais-
sance Centren einer nationalen Cultur geworden sind, und da ist
es denn so wundersam nicht, wenn die Schicksale der Künstler
sich aufs innigste verflechten mit denen jener Dynastien, deren
Nachruhm sie für alle Zeiten gefestet haben. Was die Poesie, was
die Wissenschaft, was Handel und Wandel diesen an Pflege ver-

35) Herodot berichtet I 51 von zwei irepippavrripia, einem goldenen und
einem silbernen, die Krösos nach Delphi gestiftet hatte; das goldene wurde dort
fälschlich den Lakedämoniern zugeschrieben, von denen ein Knabenbild herrühre,
bi oö rr\c, xeipoc; fatei tö ubuup. Dies Bild gehört seinem Motiv nach sicher
zu einem der beiden Periranterien und die Ueberschreibung erklärt sich damit.
Der Vorgang wird noch begreiflicher, wenn man annimmt, einer der Künstler,
die von Krösos Hofe nach Sparta kamen, habe sein früher begonnenes Werk von
Sparta aus vollendet.

36) Welchen Antheil Theodoros an den "EpYCX TToXuKpdTGia (Aristot. Pol.
p. 225, 1) hatte, kann nicht näher festgestellt werden ; dass er nicht gering war,
gibt uns die Ringsage zu verstehen, die dieses Kleinod zum köstlichsten Prunk-
stück seines Besitzers macht. Das Heraion mag er damals vollendet haben. Auf-
fällig erscheint es immerhin, dass das zweite der von Herodot VI 60 erwähnten
Wunderwerke von Samos, die jetzt wiederaufgedeckte Wasserleitung des Eupalinos
(Athen. Mitth. IX S. 165), die man wohl mit Recht unter die "EpYCt TToXuKpöVreta
rechnet, von einem megarischen Baumeister geschaffen wurde. Hirt hat in seiner
Geschichte der Baukunst I S. 226 auf die Wasserleitung des Tyrannen Theagenes
in Megara hingewiesen und ihren Bau gleichfalls für Eupalinos reclamirt. Das
würde die Berufung dieses Meisters nach Samos begreiflich machen, doch sprechen
chronologische Schwierigkeiten entschieden dagegen, da Theagenes noch dem
7. Jahrhundert angehört. Dennoch glaube ich, ist es kein Zufall, wenn wir in
der Heimat des Erbauers der samischen Wasserleitung ein so merkwürdiges Vor-
bild nachweisen können und möchte die Vermuthung immerhin wagen, dass der
Sohn des Naustrophos seinen Beruf vom Vater ererbte, den als Meister jenes
Werkes anzunehmen, die Chronologie weit eher gestatten würde.

Das dritte der drei samischen Wunderwerke, der grosse Hafendamm, kann
wegen seines Zusammenhanges mit der Seemachtstellung von Samos nur Poly-
krates seine Entstehung verdanken.
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