Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 9.1885

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Es mag erstaunlich scheinen, dass die Gothen ein so rie-
siges Werk von 600 Kilom. Länge errichtet haben sollen. Aber
wenn es nicht erstaunlich gewesen wäre, hätte es Ammianus wohl
gar nicht erwähnt und seine Ausdehnung nicht so genau angegeben.

Dass Athanarich sich wirklich gleich nach seinem Zurück-
weichen vor den Hunnen in der walachischen Ebene festsetzte,
beweist die bekannte Thatsache, dass mehrere westgothische Stämme,
welche bisher jene Striche bewohnt hatten, von ihren östlichen
Brüdern gedrängt, die Donau überschritten und den Kaiser Valens
um Wohnsitze in Thracien baten41). Wir werden nicht umhin
können, den walachischen Wall dem Ostgothenkönig und dem Jahre
376 n. Chr. zuzuschreiben.

Dieses Resultat wird allerdings von denjenigen, welche in
allen Befestigungsresten der hiesigen Gegenden Römerwerke sehen
möchten, als ein negatives empfunden werden. Aber auch diese
negative Seite, die es neben seinem doch unbestreitbar sehr posi-
tiven historischen Werthe aufweist, ist ausserordentlich heilsam.
Die Tradition hat hier einen so starken Zug, Alles zu romanisieren,
dass es für die Erkenntniss des echt Römischen ein grosser Gewinn
ist, wenn einmal etwas Unechtes mit Sicherheit ausgeschieden
werden kann.

Wer weiss, ob nun auch im Banate Alles getreulich weiter
für römisch gelten wird, was dort bisher dafür gegolten hat ?

Jedenfalls mahnt uns das eben Erfahrene, in der Beurtheilung
der übrigen oben beschriebenen Wälle sehr vorsichtig zu sein.
Der in der Moldau bei Nicoresci vorbeiziehende sieht allerdings
aus, als wenn er eine römische Chaussee gedeckt haben könnte.
Er knüpft am Pruth an die bessarabische Linie an und erreicht
den Sereth gerade da, wo der Trotusch einfliesst. Den Trotusch
hinauf gelangt man aber geraden Weges zum Oitoschpass, dem
bequemsten Uebergang nach Siebenbürgen, der ohne Zweifel auch
in römischer Zeit schon fleissig benutzt wurde. Gooss zeichnete
schon auf seiner Karte von Dacien42) in punktierter Linie eine
Chaussee, die auf siebenbürgischer Seite zum Oitosch führte, und
fand bald darauf bei Beretzk das Castell, welches den Ueber-

41) Amm. Marc. XXXI 3, 8 ff.

42) Studien zur Geographie und Geschichte des trajanischen Daciens, Schäss-
burger Gymn. Progr. 1874.
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