Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 10.1886

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sie unmöglich alle der Flavischen Zeit angehören können. Dieser
Grund erscheint mir so entscheidend, dass ich ebenfalls der Meinung
bin, diese Legion sei schon unter Claudius nach Carnuntum verlegt
worden, und die Ansicht erhält eine Stütze durch die grosse Zahl
von Denkmälern, welche diese Legion hier hinterlassen hat.

Im Gefolge der Legion erschienen auch zahlreiche römische
Kaufleute und Marketender in dem Donaulager. Noch ist uns die
Grabschrift eines solchen lixa erhalten, der als seine Heimat Pata-
vium, das heutige Padua in Italien, nennt. Sie siedelten sich mit
ihren Buden, den canabae, vor den Thoren des Lagers im Schutze
des Walles an. Der eigentümliche Zug des römischen Wesens
nach straffer Gemeindeordnung und Selbstverwaltung brachte es
hier, wie in allen römischen Standlagern, mit sich, dass diese cives
Romani adCanabas legionis consistentes, wie der technische Name lautete,
sich eine eigenthümliche Ordnung schufen, die die Mitte hält zwischen
Gemeinde und blosser Corporation. Wir finden einen ordo und
decuriones und an der Spitze magislri, wie sie den unselbständigen
Gemeinwesen, den pagi und vici eigentümlich sind.

Der syrische Krieg unter Nero führte die XV. Legion nach
dem Orient. Damals wurden, wie Tacitus berichtet, zahlreiche
Galater und Cappadoker in das Heer eingestellt , um die Lücken
zu ergänzen, die der lange blutige Krieg in die Reihen der Legionen
gerissen. Als Vespasian die Legion wieder in das Donaulager
zurückverlegte, da werden diese Asiaten ein neues Element in der
werdenden römischen Stadt gebildet haben, die vor den Thoren
des Lagers emporblühte. Vielleicht dass auch in jener Zeit die
Verehrung des persischen Sonnengottes, des Mithras, in Carnuntum
zum erstenmale Wurzel fasste. Wenigstens besitzen wir einen
Votivstein an den Gott, der dieser Epoche der Stadtgeschichte an-
gehört.

Allmählich wird in Flavischer Zeit das römische Element in
der Lagerstadt bei weitem das Uebergewicht gewonnen haben.
Denn die zahlreichen Grabsteine der Veteranen südfranzösischer
und italischer Heimat beweisen, dass die Soldaten den Ort, an
welchem sie die Blüte ihres Lebens während einer zwanzigjährigen
Dienstzeit verbracht, im Alter nicht wieder verlassen wollten. Wie
also die römische Bevölkerung mit jedem Jahre wuchs, so hat ohne
Zweifel in jener Zeit auch die Romanisirung der alten Keltenstadt
immer weiter gegriffen. So ist es begreiflich, dass Hadrian wohl
während seines Aufenthaltes in Carnuntum die catiabae als ein
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