Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 10.1886

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Zeit aufbewahrte und geeignet wäre, das Dunkel, welches jene Er-
eignisse verhüllt, aufzuhellen. Nur ein unscheinbarer Grabstein
fällt in jene Epoche, nach welchem ein M. Naevius Primigenius domo
Naristus in Carnuntum bestattet wurde. Es ist dies ohne Zweifel
einer jener 3000 Naristi, welchen Marc Aurel, wie so manchen
anderen Barbaren, während des Markomannenkrieges Landsitze in
Pannonien anwies, um die verödeten Provinzen neu zu bevölkern.

Im Jahre 193 rief in Carnuntum die XIV. Legion den Statt-
halter Oberparmoniens, L. Septimius Severus, zum Kaiser aus.
Bevor der neue Herrscher seinen Siegeszug nach Italien antrat,
hatte er noch, wie es scheint, den Widerstand der X. Legion in
Vindobona zu brechen, die, obwohl unter seinem directen Com-
mando, ihm die Anerkennung versagte. Man möchte gerne glauben,
dass die Bürgerschaft von Carnuntum in entschiedener Weise Partei
ergriffen habe für die Sache ihres Statthalters. Denn in Zusammen-
hang mit diesen Ereignissen steht es ohne Zweifel, dass Septimius
Severus die Stadt zum Rang einer römischen Colonie erhob. Einen
bemerkenswerthen Zug aus der Stadtgeschichte jener Zeit hat uns
wieder ein einfacher Grabstein aufbewahrt. Er lautet: Dis manibus
Septimio Aistomodio regi Germanorum. Septimii Philippus et Helio-
dorus fratri incomparabali (den Manen des Septimius Aistomodius,
des Germanenkönigs; Septimius Philippus und Heliodorus, dem
unvergleichlichen Bruder). Es ist also gewiss ein landflüchtiger
Mann gewesen, wie so mancher Germanenfürst vor und nach ihm,
dem der Kaiser, von dem er den Namen führt, eine Freistatt in
seinem Reiche einräumte und Carnuntum als Wohnsitz anwies.

Die glanzvollsten Tage sah Carnuntum, als Kaiser Galerius
in dieser Stadt am 11. November 307 seinen alten Waffengefährten
Licinius zum Augustus erhob. Um dem bedeutungsvollen Akte
Würde und Ansehen zu verleihen, hatte er die beiden alternden
Augusti Diocletianus und Maximianus nach Carnuntum geladen.
In jene Tage fällt ohne Zweifel die Wiederherstellung des Mithras-
tempels durch diese Kaiser, deren eine Inschrift gedenkt: Deo Soli
Invicto Mithrae, fautori imperii sui Jovii et Herculii religiosissimi
Augusti et Caesares sacrarium restituerunt (dem Sonnengotte, dem
unbesiegten Mithras, dem Schützer ihrer Herrschaft haben die Jovii
und Herculii, die gottesfürchtigen Augusti und Caesares das Heilig-
thum wiedergestellt). Die Jovii und Herculii sind eben jene Kaiser.

In den Stürmen des vierten Jahrhunderts ging die Stadt einem
raschen Verfalle entgegen. So sagt Ammianus Marcellinus von

Archäologisch-epigraphische Mitth. X. 2
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