Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 10.1886

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bulgarischen Regierung manche Sorge bereitet haben. Das meiste
ist allerdings auf die türkische Lehensverfassung zurückzuführen,
die zwar von Sultan Mahmud IL vor einem halben Jahrhundert
aufgehoben wurde, aber in den abgelegenen Gebirgslandschaften
von Küstendil, Vranja, Nis u. s. w. sich behauptete in der Form
von Naturallieferungen (Kesim), welche die Bauern an gewisse Bey's
zu leisten verpflichtet waren 3G). Die Halbwirthschaft (bulg. ispolica),
wo der Ertrag zwischen dem Grundbesitzer und dem Bauern ge-
theilt wird, ist jedenfalls alt Dafür spricht auch der Terminus
p ara spür, paraspurdzi (ein von dem Grundbesitzer dem
Arbeiter oder Pächter als Theil des Lohnes zur Benützung ange-
wiesenes Feldstück und dessen Bebauer) , welcher einem byzant.
TmpacriTOpd, TrapaairopiTnc; entspricht37).

Das Osogovgebiet südlich und südöstlich von Küstendil, die
waldige Hügellandschaft Pijanec (deren Centrum Carevo Selo
jedoch jenseits der bulgarischen Grenze liegt), ist reich an Ruinen
gemauerter Kirchlein und anderen Zeugnissen einer culturell ent-
wickelten Vorzeit. Mitunter kommen rohe antike Basreliefs zum
Vorschein. Im Dorfe Vaksovo (nahe an der Grenze) fand man
unlängst das allerdings sehr verwitterte Bildniss einer antiken un-
bekleideten Göttin; die Bauern sahen in den undeutlichen Zügen
eine Heilige und stellten den Stein ehrfurchtsvoll bei der Ortskirche
auf. Zahlreiche Spuren mittelalterlicher Bauten liegen in dem unteren
Engpass der Struma, von der steinernen Brücke bis Bobosevo (an
7 St. lang). Derselbe ist zwar nicht so unwegsam, wie die oberen
Engen zwischen den Becken von Radomir und Küstendil, dabei
aber dennoch öde und wenig besucht. Ein eigentümlicher Ort
ist das in einem tiefen Kessel gelegene Dorf Pastuch, wo gegen-
über auf einem hohen Felsen des linken Strumaufers eine alte Burg-
ruine steht, und wo noch drei verfallene Kirchlein nebst den Spuren
eines Klosters von der einstigen Bedeutung dieser Stelle sprechen.
Die Burg ist vielleicht das im 12.—14. Jahrhundert in dieser Gegend
genannte Schloss Zitomiti.sk, und hier wird wohl die Landschaft

36) Im J. 1880 war ich mit Herrn Sarafov Regierungscommissär zur Unter-
suchung dieser Agrarverhältnisse und verdanke diesem Umstände die erste nähere
Bekanntschaft mit dieser Gegend. Unser Rapport ist damals in bulg. Sprache
(8°, 39 S.) gedruckt worden.

37) Acta graeca ed. Miklosich IV, 182: tö oiKOjuoboTrapdaTropov (sie). Vgl.
den erhaltenen Titel einer Novelle des Ks. Tiberius II. (578 -582): uepi frapet-
öiropiTÜJV (Ersch-Grubers Enc. Bd. 86 S. 213).
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