Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 10.1886

Seite: 101
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die 4 Kilom. weiter gelegene grössere Stadt Karl ovo (8190 Einw.).
In dem kleinen Zwischenraum zwischen diesen beiden Orten sah
ich (10 Minuten westlich von Karlovo) ein in gerader Linie ver-
laufendes, 3 — 4 Schritt breites Pflaster nebst einem kleinen Brücken-
bogen über einem Giessbach. Daneben liegen auf öden Weide-
plätzen die schwach kenntlichen Fundamente von Häusern und
Mauern einer grossen alten Stadt, jetzt türkisch Uzun-sehir
(lange Stadt) genannt, welche angeblich der alte Mittelpunkt der
hiesigen Landschaft war, vor der Entstehung des ganz modernen,
wie man sagt, kaum 200 Jahre alten Karlovo. Das war wohl das
alte Kdipic; des 13. und 14. Jahrhunderts, das Ghiopscie eines
ragusanischen Comptoirbuches aus dem 16. Jahrhundert, dessen
Namen in dem Landschaftsnamen der Gjopsa noch fortlebt, welcher
hier mitunter auch dem oberen Laufe der Strema gegeben wird.
Weiter östlich ritt ich von Karlovo nach Miterizovo zwischen
Feldern und Wiesen fast eine ganze Stunde auf einem gepflasterten,
3 Meter breiten und ziemlich gut erhaltenen alten Weg. Seine
weitere Spur geht knapp am Fuss des Gebirges durch die herr-
lichen Buchenwälder des Quellgebiets der Tundza, einige Kilometer
nördlich von dem Städtchen Kalofer (etwas unterhalb des Klosters
Sveta Bogorodica) und erreicht das Tulovsko pole bei dem Flüsschen
Ttza (türk. Monastirderessi), wo sich bei dem Dorfe Golemo
Selo die von Barth besuchte Ruine eines aus abwechselnden Stein-
und Ziegellagen erbauten grossen viereckigen Schlosses befindet86).
In dieser Ruine wurden unlängst zwei Inschriftsteine gefunden, die
sich jetzt bei der Bezirksverwaltung in Kazanlyk befinden sollen.
Nach einer mir mitgetheilten Zeichnung eines Kaloferer Autodidakten
lässt sich deren Inhalt annähernd erkennen:

1. OLLONIETM. . . .
ACA TH. DV ....
LVTEM. ARAM ...
DVM ■ CVRAV. . . .
• • • • ^ICDES • • •

86) Barth, Reise durch das Innere der Europ. Türkei, Berlin 1864, S. 33.
Sein Büyük Obä ist Golemo selo. Er erwähnt (ib. 29. 34) auch die Eeste einer
Römerstrasse. — Ti>za und Tundza, beides Quellbäche eines und desselben Flusses,
des alten Tonzus, sind phonetisch ein und derselbe Name, mit und ohne Beibehaltung
des Rhinesmus.
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