Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 10.1886

Seite: 122
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Bei der Erläuterung fragt es sich zunächst, welcher Art der
Vicus ist, von dem der Stein errichtet wurde. Ein Vicus ist ein
Cornplex von Gebäuden, in der Stadt eine Strasse oder ein Stadt-
theil, ausserhalb der Stadt ein Dorf, in welchem die Gehöfte zu-
sammen , nicht wie in dem Pagus zerstreut liegen. Hier ist wohl
ein städtischer Vicus zu verstehen, da der Boden von Unter-Haidin
in römischer Zeit noch dem Pomerium von Poetovio zugehörte,
welches sich am rechten Drauufer in noch weiterem Umkreise über
Ober-Haidin, Schloss Thurnisch und St. Veit ausgedehnt zu haben
scheint. Auch spricht dafür der Umstand, dass in unserer Inschrift
die Grenzen des Vicus angegeben werden (a templo Fortunae ad
horrea, wobei wohl pertinens oder ein ähnliches Participium die
ungezwungenste Ergänzung ist), da eine solche Angabe nur beim
Vorhandensein mehrerer zu einem Ganzen vereinigten Vici, also in
einer Stadt vonnöthen ist und einen Sinn hat, nicht aber bei dem
einzelnstehenden ländlichen Vicus. Die Bewohner eines solchen
städtischen Vicus fanden, wenigstens in Rom, wo die Stadt seit
Augustus in 287 Vici unter je 4 Vicomagistri eingetheilt war, in
der Verehrung der gemeinsamen Laren in eigenen Kapellen einen
religiösen Einigungs- und Mittelpunkt. Eine ähnliche Einrichtung
wie zu Rom mochten denn auch die städtischen Vici in den be-
deutenderen Colonialstadten, zu welchen jedenfalls auch die Colonia
Ulpia Traiana Poetovio zu rechnen ist, gehabt haben, wenn auch
eine Eintheilung derselben in Vici meines Wissens in den Donau-
ländern inschriftlich nicht erwähnt wird. Seinen Namen führt der
Vicus Fortunae augenscheinlich nach dem in Z. 4. 5 genannten
femplum Fortunae, dessen Stelle also in oder bei dem heutigen
Unter - Haidin zu suchen ist. Die Magazine horrea, die an dem
anderen Ende den Vicus begrenzten, werden wohl militärische ge-
wesen sein, da Poetovio im ersten Jahrhundert n. Chr. das Stand-
lager einer Legion, der XIII Gemina war.

Dass der Vicus dem Volcanus, der hier zum ersten Male unter
Inschriften aus Steiermark erscheint, den Altar geweiht hat, erklärt

gesichert, mit Ausnahme des ersten Buchstabens in Z. 6. Nach der Angabe des
Verfassers haben die ersten Copien, auch die Professor Gaupmann's, Vi, aber
neuerdings schreibt dieser, dass man auf dem Steine eigentlich nichts davon ent-
decken könne; Professor Gurlitt gibt nur einen unsicheren Kest, und auch auf dem
Abklatsch ist nichts mit einiger Sicherheit zu erkennen. Doch passen vielleicht
die Spuren mehr zu P, woran Professor Gurlitt gedacht hat, als zu M, und es
ist daher vielleicht p(ecunia) p{ublica) zu verstehen. E. B.]
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