Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 10.1886

Seite: 137
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die „Erkesija" reiche vom Schwarzen bis zum „Weissen" (Aegaei-
schen) Meer.

Ich habe dieses Denkmal an zwei Stellen gesehen, bei Fun-
dukly und bei Rusokastro; in der Gegend von Akbunar, westlich
von der Tundza, konnte ich bei dem Ritt durch hohe Saaten reifen
Getreides keine Spur von ihm erspähen und hatte keine Begleiter,
die mir dessen Reste zeigen konnten. Der Wall liegt überall auf
der ganzen Linie auf der Nordseite, der Graben auf der Südseite.
Gegenüber von Fundukly macht das in gerader Linie von den Vor-
höhen des Bakadzik herabsteigende mannshohe Erdwerk den Ein-
druck eines verlassenen Eisenbahndammes. Der fünf Schritt breite
Graben an der Südseite des Walles ist dort mit dichtem Gebüsch
angefüllt; seine Tiefe genügt einem Manne zu Pferd, um sich hinter
dem Wall vollständig ungesehen zu machen, ohne abzusitzen. Eine
grossartige Naturscenerie bietet das alte Denkmal in den schattigen
Urwäldern ungefähr eine Stunde südlich von Rusokastro. Uralte
stämmige Eichen haben auf dem Walle und im Graben ihre Wurzeln
geschlagen, umgeben von dichtem Unterholz, das meist aus Büschen
von Sumach (Rhus cotinus) und Hartriegel (Cornus mas) besteht.
Nur mit Mühe bahnt sich der Reiter den Weg durch das halb-
dunkle Walddickicht. Die Breite des Grabens mass ich am Grund
mit 10 Schritt; vom Graben aus gesehen, hat der Wall auf der Nord-
seite ungefähr drei Mannshöhen, die Böschung auf der Südseite
nur eine Mannshöhe. Zwei Minuten nördlich vom Walle steht ein
hoher, von alten Bäumen bestandener Tumulus, „Sultanska Mogila"
genannt. Die Einwohner von Rusokastro erzählten mir, man finde
hie und da an dem Walle auch Reste von Backöfen und von Thon-
gefässen; auch Münzen sollen dabei gefunden werden, aber ich
bekam keine zu sehen. Ob es am Walle auch Castelle gibt, könnte
nur ein Abreiten der ganzen Linie zeigen. Die Burgruinen, von
denen ich hörte, liegen sämmtlich abseits; nur bei Jeni-Mahala soll
sich an einer Stelle ein halbkreisförmiger Wall an die Südseite
der Linie anschliessen.

Sagen über den Wall gibt es in Rusokastro. Die Bauern
(das Dorf ist alt und hat die Bewohner nicht gewechselt) meinen,
der Wall sei einst sinor (aus dem griech. (Juvopov), d. h. Grenze
gewesen. Männer und Weiber sollen auf eines Caren Befehl daran
gearbeitet haben, so dass für je neun unmündige Kinder nur ein Weib
zu Hause blieb, eine Geschichte, die in südslavischen Sagen über
grosse Bauten auch anderswo vorkommt. Man sang auch ein Lied
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