Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 10.1886

Seite: 224
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canellirte Säule hinter dem Sitze hat mit diesem nichts zu schaffen,
sie ist etwas Selbstständiges, etwa ein Untersatz, unbestimmbar
freilich wofür, da die Stelle über dem Abschlüsse zerstört ist. —
Der jugendliche Gott ist bekränzt und unbekleidet. Das Gewand,
auf dem er hier wie so oft in Darstellungen der späteren Zeit sitzt,
ist wohl richtig ergänzt. Mit der linken Hand hat er den mit
Pinienzapfen und flatternden Bändern geschmückten Thyrsus oben
erfasst, während die gesenkte Rechte jetzt auf einer formlosen Er-
hebung ruht, in der wir Reste des Kantharos anzunehmen haben.
Rechts von dem Gotte, dessen Blick in's Leere gerichtet ist, steht
in Vorderansicht mit zurückgesetztem linken Beine eine Figur,
welche um die Hüften ein am oberen antiken Rand wellenförmig
-gefälteltes Gewand, sonst aber nur einen (vielleicht in Schlangen-
köpfe endigenden) Torques um den Hals und ein Armband über
der linken Handwurzel trägt. Das Haar ist gewellt und fiel, wie
einzelne Stellen erkennen lassen, in Locken auf die Schultern
herab. Diese Haartracht, der hervorgehobene Schmuck und der
Umstand, dass an dem sonst unverletzten Oberkörper gerade nur
das Relief der linken Brust abgestossen ist — die rechte ist von
dem restaurirten Arme zum Theile verdeckt — lassen eine weib-
liche Figur erkennen. Weiblich ist auch die Bewegung der linken
Hand, welche das Gewand gefasst hält, wie der Ergänzer mit
augenscheinlichem Recht annahm, während die leere nichtssagende
Geberde, die er dem rechten Arme gab, so nicht richtig sein kann.

Compositionellen Zusammenhang in diese beiden Figuren bringt
erst das Kind zwischen ihnen, welches von dem Gotte her der
Frau zustrebt: ein nackter Knabe mit Amuletband um die Brust,
der ihr mit beiden erhobenen Armen einen wulstigen Kranz ent-
gegenreicht. Auffällig ist allerdings der Platz, den er einnimmt,
unmittelbar über den Beinen des Gottes wie in Darstellungen der
Schenkelgeburt, und in der That bleibt unklar, wie er im Räume
gedacht ist, ob auf dem Stuhle des Dionysos sitzend, knieend oder
hinter ihm irgendwie hervorkommend, da er nur im Oberkörper
erhalten und die angrenzende Partie des Sitzes ergänzt ist. Allein
seine Gestalt und die Vermittlerrolle, die sich in seiner Action aus-
spricht, insbesondere das charakteristische Motiv des Kranzüber-
reichens setzen die Hauptsache ausser Zweifel, dass Eros zu er-
kennen ist. Dass er keine Flügel hat, wird Zufall sein, da die
Conturen seines Rückens vom Grunde losgelöst und erst vom
Restaurator wieder mit demselben verbunden worden sind.
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