Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 10.1886

Seite: 225
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Das Schema der Composition erinnert an die berühmte Zeus-
metope von Selinunt, auf der dem sitzenden Gotte gleichfalls eine
Frau in Liebe naht. Die Situation aber, welche dort in der Be-
wegung, dem individuellen AfFecte, kurz in der Haltung der Per-
sonen selbst sich ausspricht, ist hier im Grunde nur accessorisch
durch eine Personification, durch Eros, zum Ausdruck gekommen.
Die Figuren bilden ein gleichgiltiges Nebeneinander und sind nur
lose zu einer Gruppe vereinigt. Dieser lockere Charakter der Com-
position hängt zum Theile mit ihrer Bestimmung zusammen. Ero-
tische Gegenstände lagen den Verfertigern der Spiegelreliefs be-
greiflicher Weise so bequem wie den Malern der zierlichen vergol-
deten Aryballen und Lekythen, die für den Putztisch der Frauen
bestimmt waren, und in der Art ihrer Ausführung und Vervielfälti-
gung tritt ein verwandtes kunsthistorisches Sachverhältniss zu Tage.
Wie in den Malereien der Goldschmuckvasen das rein Gefällige
immer entschiedener auf Kosten des Bedeutsamen sich geltend
macht, indem wohldurchdachte Compositionen durch fortwährende
Verwerthung sich nach und nach zu Ornament verflüchtigen % so
entarten auch die Spiegelreliefs in Nebeneinanderstellungen von
Figuren, ja ihre Verfertiger sind bekanntlich decorativ mitunter so
weit gegangen, ein und dieselbe Figur im Gegensinne auf ein und
demselben Exemplare zu wiederholen.

Innerhalb der Gattung der Spiegelreliefs ist dem Gegenstande
nach ein schönes, in der Krim gefundenes Exemplar der k. Ere-
mitage in St. Petersburg3) dem unseren am nächsten verwandt
Hier lehnt sich Dionysos in den Schooss seiner Geliebten zurück;
sie umschlingt mit der einen Hand seinen Leib, mit der anderen
hebt sie das Himation empor, um sich und ihn, während sie ihn
küsst. zu verhüllen. In Bezug auf künstlerischen Werth aber lassen
sich die beiden Reliefs in keinen Vergleich mit einander bringen.
Jenes athmet bei grossartiger und ernster Auffassung glühendes
Leben, das unsrige ist, auch wenn man seinen jetzigen unerfreu-
lichen Zustand gänzlich auf Rechnung des Restaurators setzt, nicht
mehr als eine frostige Figurenzusammenstellung. Der Spiegel aus
der Krim ist griechische Arbeit, wahrscheinlich noch des 4. Jahr-
hunderts; der unsrige verräth das gesunkene Können der späteren
Zeit und stammt aus Etrurien. K. MASNER

3) Antiq. du Bosph. Cim, 43.

Archäologisch-epigraphische Mitth. X,

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