Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 10.1886

Seite: 228
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diese Städte von Fossombrone bis Ivrea, angelegt im Gebiet von
eben bezwungenen, überwiegend keltischen Stämmen, und das rö-
mische Gebiet gegen die unbezwungenen keltischen Stämme be-
grenzend, haben die Stellung von Festungen, die die nicht durch
das Meer gebildeten Grenzen gegen den gefürchteten stammfremden
Nationalfeind schirmen. Wenn nun die römischen Bürger, die in
diesen Plätzen angesiedelt wurden, regelmässig in der Tribus Pollia
verzeichnet worden sind, so passt hiefür dieselbe Erklärung, die
ich oben vorgeschlagen habe: wie in der Kaiserzeit für diejenigen,
die als Bürger Kriegsdienste thun sollten , so erschien in der Zeit
der Republik für die Bürger, die die gefährdeten Grenzfestungen
halten sollten, als gegebene Bürgerabtheilung die "kraftvolle3 2).

Dass diese Anschauung oder Empfindung das Bestimmende
gewesen ist, wird, täusche ich mich nicht völlig, durch eine Be-
trachtung der Namen der besprochenen Städte bestätigt. Einige
derselben sind nach ihren Gründern genannt worden: Forum Sem-
pronii, Forum Cornelii, Regium Lepidum und Forum Fulvii (der eine
Name von den beiden, welche die Stadt hatte); Fanum Fortunae
heisst so nach einem Heiligthum; die aus lateinischer Sprache an-
scheinend nicht erklärlichen Claternae, Mutina und Eporedia mögen
Ortsnamen entsprechen, die von den Römern vorgefunden wurden.
Es bleiben übrig die Namen: Faventia, Parma, Fidentia, Industria,
Hasta, Valentia, Pollentia. Von diesen sind Faventia, Fidentia,
Valentia, Pollentia gleichartig und in ihrer Bedeutung klar: es sind
die Städte der Gutgesinnten (Faventes), der Beherzten (Fidentes), der
Starken (Valentes), der Kraftvollen (Pollentes). Mehr oder weniger
bestimmt, aber doch wohl unverkennbar, gelten diese Namen solchen,
deren Muth und Kraft den Besitz gewährleistet. Von den drei
letzten ist Industria ('Thätigkeit') zwar weniger charakteristisch,
passt aber auch in diesen Gedankenkreis hinein. Und wenn man
nun die beiden letzten betrachtet, Parma und Hasta, und in ihnen
Hauptwaffen der römischen Krieger findet: Schild (parma) und Speer
(hasta), und zwar die beiden Hauptwaffen, deren Bezeichnungen
weiblich sind und daher für Stadtnamen verwerthbar waren, so

2) In der Städteliete habe ich Aesis (Jesi) auslassen müssen, das anscheinend
schon vor 241 mit römischem Bürgerrecht ausgestattet wurde und nicht im eigent-
lichen ager Galliens, sondern an der Grenze desselben und der Landschaft Picenum
lag. Auch diese Stadt gehörte zur Tribus Pollia, und vielleicht haben bei ihr zum
ersten Male die römischen Staatsmänner sich von dem oben angegebenen Gedanken
leiten lassen.
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