Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 11.1887

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cum' und eprögeniem pföpägät' derselbe Vers zu Grunde liegt,
will mir noch immer unverkennbar scheinen, aber zu einer sicheren
Ansicht, welcher Vers zu erkennen sei, bin ich noch nicht ge-
kommen. Davon abgesehen, dass wir es hier mit einer anscheinend
sonst nicht vorkommenden Verbindung von Versen zu thun haben,
ist es erschwerend, dass in 'propagat' die Silbe 'pro1 sowohl
lang wie kurz sein kann und dass die Messung der zu Anfang
stehenden Worte ('purpureo aureove'), zumal sie vielleicht nicht
völlig dem Original entsprechend überliefert sind, unsicher ist. In
dem Nachsatz passt sowohl 'et generis summa cum' als 'progeniem

propagat' zum Schema —~y---—, und der Anfang würde passen,

wenn man, wie von befreundeter Seite vorgeschlagen wurde, lesen
wollte: 'pürpüreö si aureöve (aspergitur colore)'. Aber ein Vers
---t- ist unbezeugt und wohl überhaupt nicht leicht zu er-
klären. Dagegen ist der Vers — —, der Aristophanius, wohl
bekannt und auch von Horaz zur Verbindung mit einem nach-
folgenden längeren Verse verwendet worden, nämlich zu der soge-
nannten grösseren sapphischen Strophe carm. 1, 8. Zu diesem
Schema passen cpürpüreo aureöve' und 'prögemem pröpägät', aber
zunächst nicht und anscheinend überhaupt nicht ohne stärkere
Aenderung cet generis summa cum'. So bin ich nicht zu einer
sicheren Entscheidung gekommen, und ich muss auch die Möglich-
keit einräumen, dass die ursprünglichen Verse des Tarquitius, die
ja mehrere Jahrhunderte hindurch gebraucht und weiter überliefert
worden sind, im Laufe der Zeit stärkere Umwandlungen erlitten
haben und der Text des Macrobius von dem ursprünglichen be-
trächtlicher abweiche11).

Immerhin bleibt zweifellos bestehen, dass das besprochene Citat
poetische Form hat oder doch früher hatte, und damit ist wohl
beides so gut wie sicher nachgewiesen, dass unsere Inschrift auf

") Dies hatte Bücheler in einer brieflichen Mittheilung an mich ausgeführt.
Er hielt es darin für wahrscheinlich, dass hei beiden Citaten des Macrobius Verse
ues Tarquitius zu Grunde liegen und zwar trochäische Septenare, dass aber die-
selben durch mehrfache Ueberarbeitimg und Umgestaltung eine solche Modifi-
kation erfahren hätten, dass die Verse nicht mehr sicher herzustellen seien. Das
Gewicht seines Einwurfes, dass für die Lehrdichtung des Tari[uitius das oben voraus-
gesetzte Metrum und der (bei rein epischen Versen allerdings wohl schwer erträg-
liche) Verssehluss mit 'cum' schwer glaublich sei, ist durch das, was ich weiter unten
über das etruskische Vorbild gesagt habe, jetzt für ihn selbst ermässigt.

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