Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 11.1887

Seite: 100
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/archepigrmoeu1887/0112
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
100

Tarquitius Priscus sich bezieht und dass dessen Schriftstellerei
wenigstens zum Theil poetisch war. Zu weiterer Verwerthung
dieses Ergebnisses möchte ich noch einige Bemerkungen zufügen.

Die Schrift des Tarquitius, aus der Macrobius die bespro-
chene Stelle entnommen hat, bezeichnet er als 'transcriptus ex
ostentario Tusco5, also als eine Uebersetzung aus dem Etruskischen.
Nun heisst es mehrfach und in der Kaiserzeit wohl regelmässig,
dass die etruskische Haruspicin den Menschen und zwar den
Etruskern oder, wie Festus sagt, den 'duodecim populi Etruriae',
zunächst überliefert sei von einem gewissen Tages, der, als in Tar-
quinii ein Landmann pflügte, aus dem Boden aufstieg. Natürlich
musste dieser Tages etruskisch gesprochen haben. Wir haben aber
bei Ammian 17, 10, 2 aus den Schriften des Tages ein Citat in
lateinischer Sprache, und, wie längst erkannt ist 1'->) und mir unzweifel-
haft scheint, metrisch in Hexametern. Es steht dort: '(Severus)
tunc dissuasor pugnandi videbatur et timidus mortem fortasse
metuens adventantem, ut in Tageticis libris legitur Vegonicis (so
oder 'Veiovis' die Ueberlieferung) fulmine mox tangendos adeo hebe-
tari ut nec tonitrum nec maiores aliquos possint audire fragores'. Die
Herstellung der ersten Worte ist zweifelhaft; liest man etwa (mit
Benützung von Vorschlägen von Bücheler undDeecke): "Vediovis scis
fulmine iamiam', so hat man die hexametrischen Reihen:

Vediovis scis fulmine iämiam
tangendos adeö hebetari ut nec tonitrum nec
maiores aliquös possint audire fragores.

Es drängt sich hier, meine ich, der Schluss auf, dass die
'libri Tagetici' und die 'Tarquitiani', wenigstens zum Theil, nicht
verschieden sind, indem Tarquitius in seiner Darstellung der Lehre
oder einzelner Theile derselben angab, er gebe das lateinisch wieder,
was einst Tages etruskisch gelehrt habe. Die etruskischen Dar-
stellungen, die vorhanden waren oder vorausgesetzt wurden, galten
wohl als in einer Art Metrum abgefasst. Nun haben wir von etrus-
kischen Dichtungen keine Vorstellung. Aber gerade deshalb, und
weil doch wohl sicher die Verkündiger der heiligen Lehre als eine
Art Seher erschienen, darf es uns vielleicht weniger befremden,
wenn ein römischer Schriftsteller bei Nachbildung etruskischer Dich-

n) Vgl. O. Müller-Deecko, Etrusker II2 S. 25 A. 24.
loading ...