Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 11.1887

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ufers ausgewichen wäre. Wer nicht allenfalls durch eine Lieblings-
combination befangen ist, wird es nicht für möglich halten, dass
die Metropole einer grossen, blühenden Provinz ausserhalb der
grossen Reichsstrasse gefallen wäre. Denn wenn sich die Reichs-
strasse bei Bicske nach Westen wendete, so konnte Aquincum mit
ihr nur mehr durch eine Provinzial- oder Vicinalstrasse zweiter
Ordnung verbunden sein. Ich habe schon hervorgehoben, dass die
Hauptader des römischen Lebens in, Pannonien eben in den Ort-
schaften an der Donau pulsirte. Nirgends sonst gab es so viel
Castra, so viel Gemeinden, so zahlreiche Bevölkerung. Weiter
drinnen im Lande können weder die rein römischen Funde an
Zahl mit denen des Donauufers wetteifern, noch zeigen die Nieder-
lasungen und Grabstätten einen so ausschliesslich römischen Cha-
rakter. Dort fällt der barbarisch-römische Charakter in die Augen,
und wir können absolut nicht voraussetzen, dass die Römer dieses
schäumende militärische und bürgerliche Leben des Donauufers
bloss durch Strassenlinien zweiter und dritter Ordnung mit der
Reichsstrasse und so mit der grossen römischen Welt in Verbindung
gebracht hätten. Die Strasse, welche Salamon im Särviz- und
Vaäl-Thale tracirt, zog sich in Wirklichkeit am Donauufer hin3)-
Bloss dort entsprach sie den Interessen der römischen Politik,
Strategie und Nationalökonomie. Dort, nicht aber im Inneren der
Provinz, hatte sie Sinn und Berechtigung. Aus dem Itinerariuffl
geht hervor, dass sich von Fünfkirchen eine gerade Strasse in
nördlicher Richtung durch das Gebiet von Alt-Szöny, Stuhlweissen-
burg und Totis erstreckte. Die Existenz dieser Strasse hätte schon
an und für sich Salamon's Binnenstrasse überflüssig gemacht, weil
wir ja annehmen müssen, dass letztere nicht den Städten, sondern
dem schnelleren Verkehr zu Liebe entstanden sei. Was Salamon
mit seiner Binnenstrasse von den Römern erreicht wissen will, das

3) Sehr richtig wird in einem österreichischen Organ behauptet: «In Nieder-
panhonien ist gewiss die Uferstrasse seit alter Zeit die wichtigste Verkehrsader
gewesen und als Verbindungsglied für zahlreiche Vertheidigungswerke und An-
siedlungen, wovon sich zahlreiche Spuren noch vorfinden, stets mit besonderer Auf-
merksamkeit in gutem Stand erhalten worden, wie die vielen Meilenzeiger, welche
wir von dieser Linie besitzen, bekunden. Dagegen scheint das Innere zwischen
Donau und Plattensee, sowie zwischen Drau und Sau, von römischer Cultur
weniger Uberzogen worden zu sein, wie nicht nur das spärlichere Vorkommen rein
römischer Funde, sondern auch mehrfache Ansiedlungen, resp. Begräbnissstätten
gemischten barbarisch-römischen Charakters bezeugen." (Diese Zeitschrift II (1878)
S. 75.)
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