Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 11.1887

Seite: 149
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Das Felsrelief des Odrysen Adamas am Eingange des einen
Schachtes in den Lychnitesbrüchen bei H. Minäs fand ich nicht
mehr intact vor. Dem, wie man erzählte, von einem Engländer
unternommenen Versuche, das Relief aus dem Felsen herauszu-
schneiden sind zwei der Mittelfiguren zum Opfer gefallen, deren
Reste, arg verstümmelt, in dem unweit gelegenen Kloster ein-
gemauert sind. An dem Neubetriebe der Marmorbrüche selbst
hatte sich zur Zeit meiner Anwesenheit bereits die zweite oder
dritte Unternehmung verblutet. Die Ursache davon liegt nach
der von dem fachmännischen Leiter der Arbeiten vertretenen An-
sicht nicht sowol in eigentlicher Erschöpfung des Lychnites,2),
als darin, dass der Stein nur mehr in kleinen Blöcken gebrochen
Werden könne, die ihn höchstens zur Verwendung für Büsten,
Dicht aber für grössere Statuen geeignet machen 13). Leider fehlte
auch mir die Möglichkeit, über die Stelle des Nymphenreliefs
hinaus in einen der Schächte, die indessen nicht mehr in ihrem
früheren Zustande belassen sein sollen, einzudringen. Doch geht
aus den Berichten von Fiedler und Ross '*) hervor, dass dieselben
m antiker Zeit sehr eng und für das Hinausschaffen grosser Blöcke
schwerlich geeignet gewesen sein müssen, so dass die Frage ent-
steht, ob jene die Erneuerung des Betriebes vereitelnden Umstände
Dicht vielmehr in der Verschmähung der Stücktechnik seitens der
heutigen Sculptur, als in geänderten Gewinnungsverhältnissen des
Steines selbst ihren Grund haben. Inwieweit diese Eigentümlich-
keit der feinsten, aber nur unterirdisch vorkommenden Sorte des
parischen Marmors überhaupt an dem Aufkommen oder wenigstens
der Ausbildung der Stückung in der antiken Marmorsculptur Anteil

11) So berichtet auch Furtwängler, Samml. Sabouroff CXXXVII, S. 4, Anm. 21.
Einen von einem älteren Versuch herrührenden „Schräm", den ich auch sah, er-
mähnt Fiedler, Reise durch Griechenland II S. 187.

12) Die geläufige Volksetymologie will diesen Namen von der Transparenz
des Marmors herleiten. Vgl. auch Fiedler S. 186.

13) Dieselbe Wahrnehmung machte bereits Fiedler (S. 185) in einem Schachte,
in welchem er den Marmor am feinsten fand. Wenn er von dem durch das Nymphen-
relief bezeichneten Schachte das Vorkommen von Marmor in grösserer Mächtigkeit
berichtet (S. 188), so können das nur vereinzelte Stellen gewesen sein, da sich die
heutigen Betriebsversuche auch auf diesen Schacht, in den ein Schien engeleise
hinabführt, erstreckt haben. Uebrigens war, wie Fiedler selbst betont, unter den
Umständen, unter welchen er in die Tiefe drang, eine genauere Untersuchung gar
nicht möglich.

") Fiedler II S. 185; Ross, Inselreisen I S. 50, Wanderungen I S. 255.
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