Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 11.1887

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die von Olympios21) entdeckte archaische Weihinschrift an Artemis
eingemauert ist. Nachricht und Vermutung erwiesen sich als
richtig: unter Steinhaufen fanden sich an verschiedenen Punkten
auseinandergetragen die Trümmer einer sitzenden weiblichen Ko-
lossalfigur (S. 157 ff.), deren ursprünglicher Aufstellungsort20) nicht
entfernt gewesen sein wird; die tiefe Einsamkeit der hügeligen
Wiesengründe, die sich hier vor den waldigen Berghöhen zum Meere
hinabziehen, begünstigt den Gedanken an eine der Artemis heilige
Stätte, den die erwähnte Inschrift nahelegt. Da meine Zeit auch
noch durch die resultatlose Besichtigung einer weiter nördlich bei
Hirtenhütten (Kau&pau;) gelegenen Capelle des H. Vlassios in An-
spruch genommen wurde, in welcher ein npöcroiTrov eingemauert
gewesen sein sollte, so blieb mir nur der Rest des kurzen November-
tages zur flüchtigen Aufnahme der einzelnen Bruchstücke, deren
Zusammensetzung ich, da es mir bei der Abgeschiedenheit des
Ortes an Hilfe gebrach, nicht einmal versuchen konnte. An ein
Uebernachten war ebensowenig zu denken, wie an die Herbei-
schaffung von Nahrung, und da mich die Umstände, die auch die
beabsichtigte Fortsetzung der Reise auf einige andere Inseln nicht
zuliessen, alsbald zur Abreise von Parikia nötigten, ohne mir die
Möglichkeit eines zweiten Besuches geboten zu haben, so bleibt
nur zu wünschen, dass die bei der Generalephorie angeregte Ueber-
füh rung nach Athen das Bildwerk vor dem Untergange schützen
und genauerer Kenntnis zugänglich machen möge.

Den Besuch von Levkäs23) und Naussa unterliess ich, da ich
für beide Orte nichts über antike Denkmäler erfahren konnte; der
in letzter Stunde erhaltenen Mitteilung über, wenn ich recht ver-
stand , antike Felsabarbeitungen im Hafen von Naussa vermochte
ich nicht mehr nachzugehen.

Die den folgenden Beschreibungen beigegebenen Skizzen, die
ich an Ort und Stelle, wie die Verhältnisse es zuliessen, aufnahm,

2I) ' A6r]vcuov V S. 8 f. n. 3; Inscr. gr. cmtiqu. Nr. 401. — Oben und unten
profilierte Basis, H. 0-95, Br. 0-38, Inschriftfeld 0-685 h., 0-305 br. Unter der In-
schrift bis zum Rande des Schriftfeldes 0-52 frei.

") Da die Statue ganz ausgeführt ist, so wird die Bezeichnung der Stelle
als antiker Steinbruch zum Mindesten nicht auf sie zu begründen sein. Immerhin
kann jene sonst zutreffen: an einer Stelle sah ich ein im Felsen ausgehauenes
Halbrund mit Humus ausgefüllt. Auch bei H. Vlassios lagen einige bearbeitete
Marmors tücke.

") ^S^- K°ss, Inselreisen I S. 51.
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