Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 11.1887

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was die Figur als weiblich charakterisiert, das Unvollkommene des
Versuches, die Transparenz des Gewandes wiederzugeben, wie es
sich namentlich auch in den wenigen schüchternen und harten
Falten über dem r. Beine ausspricht55). In der Bewegung der un-
teren Partie dagegen kündigt die Statue — hierin wol etwas vor-
geschrittener als die Nike des Paionios bei all ihrem sonstigen
Schwünge — bereits merklich das Bestreben an, die einheitliche,
geradlinige Körperaxe zu verlassen86). Besondere Liebe ist in der
Composition des Gewandes, namentlich an der r. Seite ersichtlich,
wo das Aufheben und Zusammenhalten in die Entwicklung der herab-
fallenden Falten eingreift. Für die Art, wie diese nicht von einem
einfachen Saum, sondern von der doppelten Stoff läge mitgemacht
werden, bieten die giustinianische Stele in Venedig 57), das Tauben-
mädchen von Paros58), wie der Apollon vom thasischen Nymphen-
relief59) naheliegende Analogien; mit Letzterem teilt das Gewand
der Nike auch die Eigentümlichkeit der Salkante60). Die Rück-
seite mit ihren wol ausgearbeiteten, aber ganz parallel hinablau-
fenden Falten war anscheinend für die Ansicht minder bestimmt.
Nicht unerwähnt soll endlich die an einem Werke parischer Marmor-
kunst so vielleicht überraschende blechartig scharfe Behandlung
namentlich der oberen Gewandpartien bleiben.

Bei dem folgenden Rest statuarischer Stücke ist von einer
zeitlichen Anordnung abgesehen worden.

Das am besten erhaltene ist eine bei Herrn Russos befindliche
weibliche Gewandfigur (Gesamthöhe 0'65), von welcher nur der
Kopf61) und beide Hände fehlen; die Vorderseite des vom 1. Arm
herabfallenden Gewandsaumes, das r. Knie und die niedrige Plinthe
sind bestossen. Der Grundriss der Letzteren (H. O023) schliesst
sich ziemlich eng an die Standfläche an. ■ Die Figur, mit 1. Stand-
bein, trägt ein langes Unter- und darüber ein etwas kürzeres Ober-

65) Auch die Oberfläche ist noch nicht poliert.

66) Vgl. Mitteil, des österr. Museums für Kunst und Industrie 1884 S. 258.
6') Friederichs-Wolters Nr. 241. Vgl. Furtwängler, Samml. Sabouroff Sc E-

S. 6, Anm. 6.

6S) Michaelis, ancient marlles S. 229, 17.

59) Arch. Ztg. 1867 Taf. CCXVII, 3; Kayet, monum. de l'art antique I.

60) Vgl. auch die Athena im Hauptsaal der Villa Albani (Friederichs -Wolters
Nr. 524).

61) Derselbe soll indessen vorhanden gewesen sein.
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