Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 11.1887

Seite: 171
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Am zahlreichsten vertreten sind, wie nicht anders zu erwarten,
die Denkmäler sepulcralen Charakters.

Unter den Grabreliefs verdient, der Zeit und dem Kunst-
werte nach, das obere Stück einer Giebelstele mit der überlebens-
grossen Darstellung eines Jünglings, bei dem Marangon Kyriakos
Charatzari, die erste Stelle. Leider ist nicht mehr als der schöne,
m strengem Profil nach rechts geneigte Kopf bis unter den Beginn
des Nackens und der Nase erhalten (Br. 024). Das Auge mit
sanft trauerndem Ausdruck und das trefflich gearbeitete Ohr (L. 0-06)
sind vollständig. Das dichte, am Nacken nach den beiden Seiten
gestrichene Ephebenhaar ist zu einzelnen geringelten Partien zu-
sammengefasst, ohne dass durch allzu scharfe Herausarbeitung das
natürliche Ineinanderfliessen derselben beeinträchtigt würde. Die
■^tirne ist in der sogenannten lysippischen Weise ein wenig bewegt,
"ie Kopfform gewölbt, doch geht der Contour vom Wirbel ab in
sanfterer Ausladung zum Halse über. Die Entfernung von den
erhaltenen Rändern beträgt rechts 0*115, links 0'27, die Figur wird
also stehend gewesen sein; vielleicht war rechts unten noch ein
kleiner Sklave dargestellt. Die Contouren sind nicht glatt abge-
schnitten, sondern alle Flächen bis zum Grunde ausgeführt, gleich-
wol ist die Reliefhöhe gering (0'05). Der Grund ist als einfache
Platte ohne Randeinfassung behandelt, der Giebel massig steil (etwa
30°). Mit der sorgfältigen Arbeit des Reliefs stimmen die über der
Mitte und den Enden des Giebels (bei Letzteren 0*035 einwärts)
angebrachten Vorrichtungen: in runde Löcher sind Bronzehülsen
Angelassen, in deren 0'007 im Quadrat messenden Hohlraum die
gesonderten Akroterien eingesetzt waren. Das Relief, welches dem
vierten Jahrhundert angehören dürfte, könnte für attisch gelten:
doch stehen ihm in der Empfindung, wie sie sich namentlich in der
Neigung des Kopfes ausdrückt, auch ältere Grabreliefs jenes Insel-
gebietes nicht ferne. — H. noch 0'385, grösste Breite 0*65, an der
Platte 0-62, D. O077-0-10.

Das bereits von Michaelis74) kurz erwähnte untere Fragment
eines vorliegenden Hochreliefs mit Fussleiste75) bei Herrn Russos,
Welches sich dem Gegenstande nach bereits vollständig unter die gang-
baren Typen des „Inselstils" einreiht, überrascht hiebei durch seine an
attische Reliefs etwa des ausgehenden vierten Jahrhunderts erinnernde

7<) Annali 1864 S. 267.

7=) Vgl. zur Bezeichnung v. Sybel, Sculpturen zu Athen S. VIII.
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