Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 11.1887

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Studien zur griechischen Malergeschichte

Die sikyonische Schule

Auf die Frage, wer die Malerei erfunden habe, gab es im
Alterthum verschiedene Antworten. Nach Aristoteles war es ein
Verwandter des Dädalos, Eucheir mit Namen, und Theophrast hat
auch gewiss hierin seinem Lehrer nicht widersprochen, wenngleich
Plinius so berichtet'), als habe er in directem Gegensatze zu ihm
Poly gnot, für dessen Würdigung gerade Aristoteles das Beste that,
diese That zugesprochen. Das ist sicherlich ein Missverständniss.
Theophrast mag wol gemeint haben, dass die Malerei erst bei
Polygnot anfange, eine Anschauung, mit der er weder in alter noch
lr> neuer Zeit allein steht, aber für das, was Plinius ihm zumuthet,
ist er gewiss nicht haftbar2). Des Aristoteles Eucheir weist uns
lach Korinth, wo wir von einem Töpfer und einem Bildhauer dieses
Namens aus der Urzeit hören, oder in das benachbarte Sikyon, wo
die Söhne des Dädalos ihren Wohnsitz aufgeschlagen hatten. Dazu
stimmt des Plinius Angabe 35, 15: Graeci autem alii Sicyone alii
apud Corinthios repertam (sc. piduram adfirmant), omnes umbra ho-
nunis lineis circumducta. Diese Schattenmalerei, die Plinius Linear-
Halerei nennt, soll entweder der Aegypter Philokles oder der Ko-
1mthier Kleantb.es erfunden und Aridikes von Korinth und Tele-
Phanes von Sikyon zuerst ausgeübt haben. Der Aegypter mit dem
famosen Kamen Philokles ist nicht das einzige Wunderbare in dieser
N°tiz, doch da er in der genannten Gesellschaft besonders auffällt,
darf rnan ihn zunächst etwas genauer betrachten. Er hängt sicher-
lich irgendwie zusammen mit der von Plinius im selben Satze ver-
w°rfenen Angabe, dass die Aegypter die Malerei sechs Jahrtausende,
ehe sie nach Griechenland kam, erfunden haben wollten. Die Frage
ist nur, in welcher Weise. Urlichs meint, man habe Philokles für
eiöea aus Aegypten eingewanderten Sikyonier gehalten, aber das

') VII 205. Der Lyder Gyges, der unter gleichem Anspruch seine Erwäh-
lt11!? in Brunns Künstlergeschichte II S. 5 u. 6 gefunden hat, gehört nicht hieher.

16 betreffende Stelle lautet: pilam lusoriam (invenit) G-yges Lydut, picturam
Ae3ypti et in Gl ■aecia Euchir Daedali cognatus ut Aristoteli placet, ut Theophraato
^°lygnotus Athenieiuis.

2) Vergl. Studniczka, Jahrbuch d. arch. Inst. 1887 S. 153.
Areliäologisch-epigraphisclie Mittli. XI. 13
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