Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 11.1887

Seite: 195
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Linearmalerei. Ziehen wir unsere monumentale Ueberlieferung zu
Rathe, die doch heute zum Mindesten so hoch hinaufreicht als zur
Zeit des Plinius und seiner Gewährsmänner, so erhebt sie gegen
die Theorie von der Priorität der farblosen Zeichnung gebieterisch
Einspruch. Denselben zu entkräften, daran hat man begreiflicher
Weise nicht gedacht3), aber jüngst hat Robert den Versuch ge-
macht, ihn zu umgehen. Er meint, da von Kleanthes wenigstens
Bilder noch bei Strabo und Athenäus ausführlicher erwähnt werden,
so sei es höchst unwahrscheinlich, dass der griechische Autor der
euptluaTa, den er für den Gewährsmann des Plinius hält, „zur Aus-
füllung seiner Rubriken beliebig archaische Künstlernamen ver-
wandte", und vermuthet, die Erklärung für seine befremdlichen An-
gaben sei in dem damaligen Zustande der Bilder zu suchen. Zur
schlechten Erhaltung sei vielleicht noch schlechte Aufstellung und
schlechte Beobachtung hinzugekommen, bis denn keine Spur von
1'arbe mehr erkennbar blieb. Besonders dankenswerth scheint es
mir nun zu sein, dass Robert dadurch, dass er selbst die letzten
Konsequenzen seiner Hypothese zog, seine Gegner der Mühe ent-
hob, ihn auf diesem Wege ad absurdum zu führen. Er fügt dieser
Auseinandersetzung die Vermuthung hinzu, dass die Bilder der
plinianischen Monochromatiker „Gemälde schwarzfiguriger Technik
waren, von denen im Laufe der Zeit die rote und weisse Deckfarbe
abgesprungen", und dass ferner die weisse Farbe der Frauen erst
bei Eumares zu halten angefangen habe. Aber ein Problem hätte
doch noch der Erklärung bedurft. Wie kam man denn bei diesen
Umrisszeichnungen auf die Vorstellung, dass sie reproducirte Schatten-
bilder seien? So falsch diese Vorstellung auch ist, ihre Entstehung,
der allgemeine Anklang, den sie im Alterthum fand, bedarf der
Erklärung. Der schwarzfigurige Silhouettenstil der archaischen Vasen-
Und Pinakesmalerei macht sie völlig begreiflich. Dem hat es auch
ln moderner Zeit an Versuchen nicht gefehlt, ihn mit dem Schatten
ln genetischem Zusammenhang zu bringen, an den er so sehr ge-
bahnt. Vor blosser Conturzeichnung ist ein solcher Einfall wohl
noch Kiemandem gekommen.

Plinius ist nicht der einzige Autor, der von der Entstehung
der Malerei aus dem Schattenriss berichtet. Auch Athenagoras

3) Das wurde geschrieben, ehe dem Verfasser der erwähnte Aufsatz Stud-
"iizkas vorlag. Warum es nicht geändert wurde, dürfte aus dem Zusammenhange
«sichtlich sein.

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