Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 11.1887

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navibus nec sole nec sale ventisque corrumpilur. Ich glaube, dass alle
angewandten Interpretationskünste aus diesen Worten die angekün-
digten drei Arten nicht hervorzaubern werden'15), denn die zwei
ersten Manieren, mit Wachs auch auf Elfenbein mittelst des cestrum
zu malen, sind eben eine Art, und wenn man das einzige Element,
das eines Ersatzes fähig ist, den Malgrund verändert, so entsteht
dadurch auch keine andere Technik. Plinius charakteristischeste
kigenthümlichkeit ist es ja, dasjenige nicht zu verstehen, was er
schreibt, und diese Gabe verlässt ihn hier auch nicht. Die zweite
Methode, mit dem Pinsel und gelöstem Wachse zu malen, für Bemalung
ganzer Flotten geeignet — unser Autor merkt keinen Spass. Ich zweifle
nicht, dass man Schiffe so bemalt haben wird und dafür nicht immer
einen Protogenes oder auch nur einen Herakleides fand, aber der
Streit des cestrum mit dem Pinsel ist hier noch heraus zu hören. Ich
verniuthe, jene vereinfachte Malart ist nichts anderes als das Auf-
geben des cestrum und damit der tarda picturae ratio36). Philoxenos
■Name macht hier keine Schwierigkeit. Sein Lehrer Nikomachos,
dessen Technik er veränderte, war auch Enkaustiker; dass er hier
unter den Temperamalern steht, ja dass mit ihm die Geschichte
von der gloriapenicilli schliesst, die nöthigen Postscripta ausgenommen,
lst unter dieser Annahme kein Gegengrund37).

So wäre denn die Chrestographie der alten sikyonischen
Meister die alte unverdorbene, aber etwas schwerfällige Enkaustik,
die Ke'crrpujcric;. Plutarch lässt nach Sikyon den Apelles durch den
Rühm der Chrestographie hingezogen werden; Plinius überliefert,
Pamphilos, Apelles' Lehrer, lehrte die Enkaustik auch den Pausias
Primum in hoc genere nobilem. Immer wieder hat man für die
sikyonische Malerschule auf die sikyonische Bildhauerschule als
die nächstliegende Parallele verwiesen. Dabei hat man fast allein
die theoretischen Studien und den festen Schulverband ins Auge
gefasst, aber weder das eine noch das andere ist bei dem heutigen

35) Die Litteratur bei Blümner Technologie IV S. 444.

36) Plinius 35, 124.

37) Die Nachricht des Plinius von der Malerin und alten Jungfer Iaia aus
Kyzikos 35, 147: et penicillo pinxit et cestro in ebore imagines mulierum maxtime et
Neapoli anum in grandi tabula, suam quoque imaginem ad speculum, glaube ich dem-
nach einfacher deuten zu können, als dies Blümner a. a. 0. S. 445 thut. Er meint,
»Iaia malte sowohl penicillo, d.h. a tempera, als cestro, d.h. enkaustisch ; und in
letzter Malweise sowohl in ebore kleinere Bildchen, als auch in grandi tabula, also
auf Holz". Ich denke, sie malte enkaustisch, et penicillo et cestro in ebore, ibre
Frauenbilder. Das alte Weib auf Holz ist der Technik nach nicht bestimmt.
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