Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 11.1887

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Iaso et piger qui appellatur Ocnos, spartüm torquens quod asellus
adrodit. Ich will nicht näher auf die recht merkwürdige Thatsache
eingehen, dass uns Plinius bei Gelegenheit der Temperamaler dieses
Künstlerurtheil über Nikophanes bereits aufgetischt hat40), die vor-
liegende Frage für sich ist allein interessant genug. Es gibt bisher
drei verschiedene Erklärungen für unsere Stelle. Die eine von Sillig
und Brunn vertretene hält den Sokrates für ein Porträt des Niko-
phanes und zwar für sein bestgelungenes Bild; sie gilt mit Recht
als die wenigst gelungene, da ein Maler Sokrates bei Plinius 36, 2
ausdrücklich erwähnt wird. Die beiden anderen Versuche unter-
scheiden sich bezüglich der Frage nach der Zugehörigkeit der auf-
gezählten Bilder. Die einen weisen sie dem Nikophanes zu, so
Wustmann, Urlichs, Overbeck41), und wenn sie dann, wie der erst-
genannte, den hinderlichen Zwischensatz nam Socrates iure Omnibus
placet einklammern, so verfahren sie zwar willkürlich, aber nur
consequent; die anderen sehen sie für Werke des Sokrates an und
finden sich mit den „tales" so gut ab, als es eben gehen will42)-
Dass auch diese beiden Erklärungen nicht befriedigen, dazu braucht
es keiner weiteren Auseinandersetzungen. Die angeführten Werke
gehören eben weder dem Nikophanes noch dem Sokrates. Ihr
rechter Meister steht wohlerhalten neben ihnen und ist nur durch
den Ausfall eines et nach placet so unsichtbar geworden, wie der
Lyciscus 34, 7943). Es ist zu lesen:

nam Socrates iure omnibus placet et lokales; sunt eius. .. .

Es ist derselbe Thaies, den wir bisher nur aus der Notiz bei Dio-
genes Laertius I 38 kannten44). Er nennt ihn Zurfpotcpoc; Xikuujvio?
uejaXocpuric; und führt aus Duris ev tüj rrepi £u>Ypaqna<g einen Namens-
bruder an, der schon längst als sein Doppelgänger erkannt worden

40) 35, 111: Nicophanes elegans ac concinnus, ita ut venustate ei pauci con-
parentur. Die Herkunft dieses Künstlerurtheils lässt sich ziemlich sicher ermitteln.
Es stand, wie der auf die venustas gelegte Ton verräth, in dem berühmten Send-
schreiben des Apelles an Perseus, das fast anschliessend erwähnt wird. Nur das
kleine, aber sicher nicht hieher passende Dictum: coihurnus et gravitas artis &
Zeuxide et Apelle abesl steht dazwischen. Die Klammern, die ihm Wustmann *
a. O. S. 477 zuspricht, verdient es aber deswegen kaum, es ist ja jetzt ganz ver-
ständlich, wie es herkam.

41) Ehein. Mus. XXU S. 21; Chrest. Plin. p. 374; Schriftqu. 1765.
") Vergl. Carl Th. Michaelis, Arch. Zeit. 1876 S. 38.

") Arch.-epigr. Mitth. VII S. 73.
44) Schriftqu. 1770.
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