Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 12.1888

Seite: 59
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der Vase nirgend vor, selbst die beiden ornamental verwendeten
Stierfiguren in den Thierstreifen zeigen deutlich zwei Hörner. Hier
liegt nur Nachlässigkeit des modernen Copisten vor. Zunächst ist
von den Beinen des Silen nur eines (aber auch nur theilweise als
echt) ganz erhalten, und zwar das rechte, nicht das linke; der
Ansatz vom Oberschenkel des linken ist aber auch vorhanden.
Ferner hat der Silen zwei Arme, in deren Händen er je eine Flöte
hält. Die 1. Hand hat nicht drei, sondern vier sichtbare Finger,
der Daumen ist untergesetzt zu denken. Neben dem linken kommt
dann auch der r. Unterarm zum Vorschein. Von seiner r. Hand,
die am Gelenke ein Ring schmückt, erscheinen Daumen und Zeige-
finger. Nachzutragen ist ferner die zur Doppelflöte gehörige Mund-
binde und im übrigen mehrere Innenzeichnungen des Körpers.

Nicht minder unrichtig ist im Stiche die Wiedergabe der
nächsten Gruppe von Silen und Nymphe: der Silen hat den r. Arm
um ihre r. Schulter geschlagen und hält mit der Rechten, da sie
ihn mit dem 1. Ellenbogen wegzudrängen sucht, ihre Linke am
Handgelenk fest. An ihrem Chiton läuft ein breiter Saum über die
Mitte der Brust herauf, die eine Fibel schmückt. Ein gleicher
Saum schliesst den Chiton um den Hals. Auch von ihrem herab-
hängenden r. Oberarme ist noch ein Drittel etwa erhalten, über-
schnitten vom Pferdeschwanze des links anschliessenden Silens.

Bei der beckenschlagenden Nymphe rechts am Ende muss ich
bemerken, dass ich die Fibel ihres Gewandes an der absonder-
lichen Stelle, welche sie bei Studniczka (a. a. 0. S. 98, daher über-
nommen bei Heibig a. a. 0. S. 203) nach Milani's Angabe ein-
nimmt, nicht vorfand. Sie sitzt vielmehr, durch eine Schnur ver-
muthlich mit einer correspondirenden auf der Gegenseite verbunden,
schräg nach aufwärts innerhalb des Längssaumes der Brust, wie
anderwärts öfter.

Bezüglich der Pygmaien und Thierdarstellungen, sowie der
Henkelfiguren fanden wir nichts Wesentliches zu verbessern. Man
wird allerdings auch in diesen Darstellungen jetzt Manches deut-
licher und genauer wiedergegeben finden und dürfte auch hier nicht
mehr in die Lage gerathen, Versehen und Nachlässigkeiten des
Restaurators dem Künstler zuzuschreiben.

Wien, Juli 1888 WOLFGANG REICHEL
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