Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 12.1888

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Brunn in seiner Künstlergeschichte II S. 6 und 55 erwogen, aber
wegen Mangels an Nachrichten nicht weiter erörtert. Daran war
wohl zunächst die falsche Datirung des Kalliphon von Samos Schuld,
den er damals früh genug anzusetzen glaubte, wenn er ihn mit
Polygnot in Verbindung brachte, während es nach dem dermaligen
Stande der Wissenschaft gar nicht zweifelhaft sein kann, dass er
weit älter ist. Pausanias erwähnt zweimal beiläufig seines Bildes
im Artemision zu Ephesos, welches die homerische Epinausimachie
vorstellte; das erstemal in der Beschreibung der Kypsele, wo er
für die "Epiq aiax^Tr] tö eiboq daher eine gleiche Missgestalt ent-
lehnt 5 das zweitemal citirt er als Belegstück für eine alte Panzer-
varietät auf dem polygnotischen Iliupersisbilde die Rüstung des
Patroklos hier, dem Frauen seinen Panzer anlegen2). Für die
kunstgeschichtliche Stellung des Kalliphon ist die erstere Erwähnung
die entscheidende, und darnach mag er in die Zeit des Philaios,
Telekles und Bathykles anzusetzen sein. Die Erwähnung der
Rüstungsscene beweist, wie schon Brunn sah, für den epischen Ton
des Bildes, aber weit eher als an die Lesche der Knidier zu Delphi
werden wir uns hier an die chalkidischen Vasen Mon. I 51 oder
Gerhard A. V. 322 erinnern.

Das zweite berühmte altsamische Gemälde ist das von Herodot
IV, 88 erwähnte Votivbild des Mandrokles im samischen Heraion,
der es von dem ihm für die Ueberbrückung des Bosporus zu Theil
gewordenen Ehrensolde als uvnuöcruvov crxeoinc;, wie das Epigramm
angab, gestiftet hatte. Es stellte nach Herodot Trcccmv tt|V Seugiv
Tou Bocrrropou Kai ßaaiXea re Aapeiov ev rrpoebpirj Konriuevov Kai töv
ffTpaxöv aiiToO biaßai'vovxa vor. Den Meister des Bildes kennen wir
nicht; Overbeck's Irrthum, der in seinen Schriftquellen Nr. 611
Mandrokles auch für den Maler des Bildes nahm, hat Förster be-
richtigt3), doch ist es genauer datirbar, als solche Bilder iüsgemein
zu sein pflegen, da das Datum der Ueberbrückung zwischen 516
und 514 fällt. Es der samischen Schule abzusprechen, dazu liegt
kein Grund vor, und ich habe bereits an anderer Stelle darauf
hingewiesen, dass seine Entstehung besonders verständlich wird,
wenn man Analogien der samischen Kunstpraxis herbeizieht4). Noch
aus der Inhaltsangabe Herodots lässt es sich herausfühlen, dass

2) Paus. V, 19, 1, X, 26, 6 = Overb. Schriftqu. 612 u. 613.

3) Arch. Zeit. 1875 S. 99.

4) Arch.-epigr, Mitth. aus Oesterreich IX S. 181.
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