Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 12.1888

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Bilder hervorzugehen, das uns Plinius als numerosa tabula vorführt,
in qua sunt Priamus Helena Credulitas TJlixes Deiphobus Dolus. Aus
diesem Personenverzeichniss hat Otto Jahn die dai-gestellte Handlung
errathen zu können geglaubt. Er meinte: „Es muss eines der Aben-
teuer des Odysseus aus der letzten Zeit der Belagerung Trojas
sein, nachdem Paris gefallen und Helena mit Deiphobus vermalt
war. Zunächst denkt man an die TTTOixeicc", und Hess dem Odysseus
den Dolus, in welchem er die 'A-rrdtri erkennt, zur Seite stehen,
während er der Credulitas den Platz zur Seite des betrogenen
Priamos anwies14). Eine neuere Variation dieser Hypothese nimmt
einen Angriff des Deiphobos auf den verkappten Odysseus an,
welchen Credulitas und Dolus vereiteln , nach Analogie jener Dar-
stellungen der Rückerlangung der Helena, wo Aphrodite und Peitho
den Angriff des Menelaos verhindern15). Dass sich dann beide Dar-
stellungen in einem und demselben Helena-Cyclus zusammenfinden,
ist ja eine fast nothwendige Consequenz dieser Anschauung. Mit
der literarischen Ueberlieferung dieses Abenteuers stimmen beide
Reconstructionsversuche gleich wenig, beide ruhen auf einer Grund-
lage, deren Berechtigung in Zweifel gezogen werden muss. Jahn
fand es bemerkenswertli, dass Plinius ein Gemälde mit sechs
Figuren eine numerosa tabula nenne, und die Beispiele, die er für
den Gebrauch dieses Wortes herbeibringt, nöthigen ihm die vor-
sichtige Frage ab: „oder hätte er nicht alle Figuren angeführt?"
Gewiss nicht, denn Brunn's Versuch, die Bezeichnung der tabula
als numerosa durch ihren Reichthum an Motiven erklären zu wollen,
ist doch einfach unzulässig. Hat aber Plinius die sechs Figuren aus
einem grösseren Zusammenhange so herausgerissen, wie es ihm
bequem war, können wir dann an eine Herstellung noch denken?
Ich glaube ja, sie ergibt sich von selbst, wenn wir die eine Credu-
litas schärfer in's Auge fassen. Ist Dolus die 'Andin, dann steckt
in diesem Gewände neben Helena die nei9d), und nun sind sofort
alle übrigen Figuren an ihrem rechten Platz und die Hauptscene
des grossen Iliupersisbildes steht vor uns. Nur für die Apate fehlt
bisher hier das ausdrückliche Zeugniss der monumentalen Ueberlie-
ferung, aber wie sie auf der Perservase neben der Asia steht als
sittliche Macht, so stand sie auch hier nicht als Nothhelferin des
schlauen Odysseus, sondern den göttlichen Rathschluss vollstreckend.

1() Arch. Zeit. 1847 S. 127.

,5) Studnjczka bei Pümmler a, a. 0,
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