Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 12.1888

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eine textkritische sein muss, sondern vielleicht mit besserem Rechte
in der Quellenkritik ihre Entscheidung findet. Brunn hat die Ver-
drängung des Künstlernamens durch die Angabe des Vaters ver-
muthungsweise dem Athenaios zur Last gelegt, ich glaube nach
dem Gesammteindruck, den der Bericht des Satyros macht, wird
es nicht schwer fallen, ihm selbst auch dieses Versehen zuzumuthen.
Doch meine ich nicht, dass mit dieser Entscheidung der jüngere
Aglaophon einfach von der Liste der griechischen Künstler zu
streichen ist, aber jedesfalls wird er zu einer schattenhaften Gestalt,
die eine weitere Behandlung kaum lohnt.

Es sind die Namen des Mikon und Panainos, an welche unsere
Ueberlieferung die Reception der ionischen Malerei in Athen knüpft,
und beide Namen geben uns die gleiche Gewähr, dass dieses Er-
eigniss nicht auf das Gebiet der Malerei allein beschränkt geblieben
ist. Mikon ist selbst Bildhauer, Panainos gehört der Familie des
Phidias an. Die Strömung, die jetzt auf dem Gebiete der bildenden
Kunst zu Tage tritt, sie hat die ganze attische Cultur erfasst und
in neue Bahnen gelenkt. Selbst am Alphabete vermögen wir das
rapide Steigen des ionischen Einflusses wie an einem selbstregistri-
renden Apparate abzulesen17). Und gerade durch diese Erkenntniss
ist das einzige Argument hinfällig geworden, mit dem man Mikons
Athenerthum angefochten hat. Nicht bloss die Ueberlieferung nennt
ihn einen Athener, er selbst nennt sich, auf der olympischen Basis
des Kalliasdenkmals so, und zu Athen gibt er sich einfach als Sohn
des Phanomachos. Aber die Inschrift der Kalliasbasis ist rein
ionisch und die Inschrift von der Akropolis zeigt bei sonst atti-
schem Charakter einzelne ionische Elemente. Daraus hat Frankel
die Annahme abgeleitet und als unabweisbar hingestellt, Mikon sei
von Geburt Ionier gewesen und erst später zu Athen ansässig ge-
worden, und ihm haben Roehl und Loeschckc beigestimmt18). Rich-
tiger hat Löwy die Sachlage beurtheilt19). Das ionische Alphabet
der olympischen Inschrift an der Basis der Statue eines so vor-
nehmen Atheners mag immerhin interessant sein, für die Heimat
des Künstlers beweist es an und für sich nicht viel, und die attische
Inschrift stimmt nicht mit, sondern gegen jene, d.mn Ionismen um
Olympias 80 sind jetzt nichts Auffälliges mehr. Dazu kommt noch,

") Ulrich Köhler, Ath. Mitth. 1885 S. 359.

>5) Arch. Zeit. 1876 S. 227 ; Inscr. gr. ant. Nr. 498; Dorpater Progr. 1887 S. 8.
19) Inschr. grieoh. Bildhauer Nr. 41.
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