Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 12.1888

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Ausfüllung der vierten Wand handelt. Geht man aber gar so
weit, den Pausanias selbst nachzuschlagen, so wird man seinen
Excurs über die letzten Schicksale des Theseus ganz begreiflich
finden: er gibt ja zum Schlüsse desselben den Grund an, nicht ein
Bild im Theseion, sondern dieses selbst, der Anlass seiner Errich-
tung führte ihn darauf. Auffallend bleibt es uns freilich, dass die
vierte Wand des Theseion nicht bemalt war, aber es scheint das
Bedürfniss nach einem solchen Abschlüsse damals gar nicht vor-
handen gewesen zu sein. Die Stoa poikile zählte ursprünglich auch
bloss drei bemalte Seiten, denn die Schlacht von Oinoe wurde erst
spät hinzugefügt, drei Seiten schmückte auch noch Euphranor in
der Stoa basileios mit Gemälden, und sonst sind es bloss die beiden
Langseiten, die bemalt wurden, wie in der Lesche zu Delphi, im
Anakeion, im Tempel der Athena Areia in Plataiai; so haben Kimon
und Dionysios, Damophilos und Gorgasos gemalt. Der Punkt ver-
dient klarer gelegt zu werden, denn nicht nur am Theseion und
an der Stoa poikile hat man die wirkliche Sachlage verkannt, auch der
apokryphe Freskencyclus der Pinakothek hat die Forschung lange
genug in Athem gehalten, und auch das letzte Beispiel dieser Gat-
tung, die vier unter diesem Gesichtspunkte bei Overbeck Schriftqu.
Nr. 1126 aufgezählten Gemälde eines "dionysischen Cyclus, hält nicht
Stich, da diese Bilder nicht einem, sondern zwei Tempeln angehören.
So meine ich werden auch die jüngst aufgestellten Hypothesen
über Gemäldecyclen dieser Zeit die Wege der früheren gehen22),
glaube auch, dass man vielleicht gut thäte, jenes Schlagwort über-
haupt späteren Perioden aufzusparen und für die polygnotische auch
in diesem Sinne nachdrücklicher auf das Beispiel der attischen
Schalenmalerei hinzuweisen.

Es bleibt noch fraglich, ob die drei Bilder des Theseion
sämmtlich von Mikon herrühren. Pausanias scheint von einer Be-
theiligung Polygnots hier keine Kenntniss zu haben, aber bei Har-
pokration M) hat man doch statt ev tlu öncraupw sehr wahrscheinlich
ev tüj önffeuic; ieptu gelesen. Die Amazonomachie wird wohl sicher
für Mikon bleiben müssen und wir erübrigen bloss die Kentauro-
machie, und gerade hier bietet die reiche monumentale Ueberliefe-
rung nichts specifisch Polygnotisches. Aber selbst die Richtigkeit
jener Conjectur zugegeben, steht uns der Zweifel an der Giltigkeit

2a, Arcb. Jahrb. II S. 171 u. 176.
23) Schriftqu. 1042.
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